Enthüllung des Gedenksteins zu Ehren der jüdischen Opfer des Konzentrationslagers Bisingen und Eröffnung des Geschichtslehrpfades – Sonntag den 25. Oktober 1998

Auszug aus dem Schwarzwälder Bote vom 26. 10. 1998

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Ein Tag der Versöhnung und der Freundschaft

Bisingen (bu). In einer Feierstunde am Sonntag nachmittag vor 300 Gästen ist der Geschichtslehrpfad zum ehemaligen KZ Bisingen eröffnet worden. Gleichzeitig wurde der Gedenkstein für die jüdischen Opfer des Konzentrationslagers enthüllt.

kruger-1998Bisingens Bürgermeister Joachim Krüger sprach von einem Tag im Zeichen der Versöhnung und der Freundschaft. Rückblickend erinnerte er an das Grauen von Millionen verfolgter und getöteter Menschen, wobei das KZ Bisingen den großen Vernichtungslagern in nichts nachgestanden habe. Man habe schon vor einer Reihe von Jahren begonnen, sich an die unseligen Vorkommnisse zu erinnern, was nicht überall auf Verständnis und Zustimmung gestoßen sei. Es ergebe sich aus der Geschichte heraus eine besondere Verantwortung und Pflicht. Heute und in Zukunft gelte es, die Erinnerung an das geschehene Unrecht wachzuhalten und alles dafür zu tun, daß Gleiches nicht mehr geschehe. Die Überlebenden würden er heute als Freunde herzlich aufgenommen: „Wir reichen ihnen die Hand“.

„Es ist seltsam, daß eine Stadt zu ihrer Vergangenheit steht“, meinte joel-berger-19981Landesrabbiner Joel Berger. Bisingen habe sich der Geschichte gestellt und sie verinnerlicht. Die Anwesenden dokumentierten durch ihr Kommen, daß man sich nicht mehr umdrehe und wegsehe. „Nur so lange wir Lebende sind, sind wir auch „Gedenkende“, sagte Berger. Und dies ermögliche, Lehren für die Zukunft ziehen.

Vier der KZ-Überlebenden sprachen anschließend zu den Gästen. dave-fischel-1998Dave Fischel bat darum, daß jedes Jahr einmal Blumen auf den Friedhof gebracht und Gebete gesprochen werden. Für jene namenlosen Toten, die auf Lastwagen geladen and anschließend wie „faule Kartoffeln“ verscharrt worden seien.

Für aaron-avni-1998Aaron Avni kam Befreiung aus dem KZ einer „zweiten Geburt“ gleich. Bisingen sprach er Dank und Anerkennung aus, daß es sich in die schwere Pflicht der Aufarbeitung genommen habe. harry-weinrothHarry Weinroth fand den Weg zurück nach Bisingen nur mit „sehr gemischten Gefühlen“. Er verlieh der Hoffnung Ausdruck, daß so etwas wie damals nie mehr passieren dürfe. In der Leidensodyssee von isak-wasserstein-1998Isac Wasserstein war die Zeit in Bisingen die schlimmste.

pater-georg19981Pfarrerin Heidrun Hirschbach sprach von der Mitschuld der christlichen Kirchen an dem Leid. Sie verwies auf die ehemals antijüdische Einstellung und Haltung seitens der christlichen Theologie. Sie bedaure diese Gesinnung zutiefst. Ihr katholischer Amtskollege Pater Georg rief erneut zum Gedenken an die Ermordeten auf.

„Vergessen und nicht erinnern ist ein Frevel an den Toten. Sie werden ein zweites Mal ausgelöscht“.

glauning_-farbe-1998Die Leiterin des Bisinger Heimatmuseums, Christine Glauning, gab einen kurzen historischen Abriß über die Geschichte des KZ Bisingen und über die frühere Gestaltung des Friedhofs, bei der die nichtchristlichen Religionen unberücksichtigt geblieben waren. Für Angehörige und Überlebende der jüdischen Opfer sei es schmerzhaft und verletzlich, nicht ihrem Brauch gemäß trauern zu können. Der Gedenkstein auf dem KZ-Friedhof Bisingen ermögliche es auch, um die ermordeten, nicht beerdigten Menschen anderer Konzentrationslager zu trauern. Den durch private Initiative errichteten zweiten Gedenkstein wollte sie als positiven „Stein des Anstoßes“, dem weiter Folgen könnten, verstanden wissen. Die musikalische Umrahmung mit jiddischen und hebräischen Liedern oblag der gruppe-aljamaGruppe „Aljama“ unter Leitung von Chaim Kapuja aus Tübingen.

Der Enthüllung der beiden Gedenksteine gingen Totengebete auf hebräisch voraus (siehe Bild oben). enthullung_friedhof-1998Die jud-gedenkstein-19981von den Überlebenden mitgestaltete Feier beinhaltete auch das Anzünden von sechs Kerzen durch Geistliche und Personen des öffentlichen Lebens. Die friedhof-1998Kerzen standen als Symbol für die sechs Millionen getöteter Juden.

Alle Bilder im Artikel und im Anschluß: Gemeinde Bisingen

ies-arbeid-zu-godfried-deIes Arbeid berichtet über Godfried de Groot, einen ehemlaigen im KZ Bisngen verstorbenen holländischen Juden, für den er einen Gedenkstein mitgebracht hatgodfried-de-groot-nov1998

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Während der Gedenkveranstaltung auf dem KZ-FRiedhof


horst-ottos-buch1Nach der Feierstunde auf dem KZ-Friedhof stellt Horst Prautzsch die Übersetzung von Otto Gunsbergers Autobiographie

“ Choice of Profession“ (Berufswahl) vor.

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Otto Gunsberger und Bürgermeister Joachim Krüger

isak-wassersteinIsak Wasserstein im Gespräch


otto-und-jugendgemeinderat1Otto Gunsberger und der Jugendgemeinderat

harry-und-robbie-nieschauer1Harry und Robbie  (li) Nieschawer

steg-1998Harry Nieschawer erzählt seine Geschichte auf dem ehemaligen KZ Gelände

dave-und-guta-fischeFamilie Dave Fischel
Anmerkung: alle farbigen Bilder sind dem Archiv der Gemeinde Bisingen mit freundlicher Genehmigung entnommen.


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Die Eröffnung der Ausstellung: „Schwierigkeiten des Erinnerns“ im Heimatmuseum Bisingen am 03. November 1996

das-kz-bisingen-titelblattgeschichte-zu-teuerDen Ereignissen des Jahrs 1996 soll ein Rückblick auf das Jahr 1984 vorausgehen, der einen kurzen Einblick zur Arbeit der JUSO-AG seit ihrem „Spurensuche“-Beginn im Jahr 1982 gibt. Die JUSO-AG hatte 1984 eine Dokumentationsschrift „Das KZ Bisingen“ erarbeitet. In einem Leserbrief schilderten sie die Schwierigkeiten, denen sie 1984 damit begegneten.  Im April 1997 wurde die Broschüre ins Internet gestellt: http://www.gedenkstaetten-bw.de/gedenkstaetten/de/bisingen/Dokumentation/Index2.htm

Alle hier in Folge erscheinenden Bild-Texte können durch „anklicken“ zum Nachlesen vergrößert werden.  Alle Zeitungsberichte aus dem Jahr 1996 können hier nicht veröffentlicht werden – daher habe ich mich für die m.E. wesentlichsten Beiträge entschieden und bitte darum um Verständnis.

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Otto Gunsberger, Australien


Das Heimatmuseum „Schwierigkeiten des Erinnerns“

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mit der Ausstellung zur Eröffnung

am 03. November 1996

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Reden zur Eröffnung der Ausstellung „Schwierigkeiten des Erinnerns“ am 03. November 1996

gaste_plenum-1996Foto Gemeinde Bisingen, von rechts nach links: Herr Arbeid mit Gattin, Herr Fischel, Herr Gunsberger mit Gattin, Ehepaar Nieschawer

Auszug aus den Amtlichen Nachrichten vom 15. November 1996 :

Rede von Bürgermeister Egbert Zäh zur Eröffnung der Ausstellung „Schwierigkeiten des Erinnerns“  im Heimatmuseum Bisingen, Kirchstraße 15:

Sehr geehrte Gäste,
heute können wir das neue Heimatmuseum gleich nebenan mitten im Ort neben der Kirche im umgebauten Emmerichhaus eröffnen. Wegen des engen Raumes im Heimatmuseum mußte die Eröffnungsveranstaltung hierher verlegt werden. Bestimmt haben sich die Mitglieder des Heimatvereins, die sich für die Errichtung eines Heimatmuseums sehr einsetzten, vor Jahren ihr Museum anders vorgestellt.

Das Konzentrationslager in Bisingen und der Ölschieferabbau während des 2. Weltkrieges ist die Überschrift über den Teil der Geschichte, der nun im Museum dargestellt ist.

Es ist ein Teil der Geschichte, der sich mit all seinen Besonderheiten hier ereignete, aber die ganze Gegend, ja die ganze Welt betraf. Manche werden sich fragen, warum gerade diesen Teil der Geschichte. Dafür gab es einige gute Gründe:

1. Der Teil der Geschichte ist so unglaublich, wie betrüblich und beschämend, daß jeder gerne darüber schweigt. Er darf aber nicht untergehen.

2. Der Teil der Geschichte braucht Menschen, die es gesehen und erlebt haben. Vieles ist ohne Zeitzeugen noch unbegreiflicher und nicht aufarbeitbar. Bald stehen Zeitzeugen nicht mehr zur Verfügung.

3. Der Teil der Geschichte muß dazu beitragen, daß er sich nicht wiederholt.

Bisingen möchte dazu seinen Beitrag leisten. Der Anspruch ist sehr hoch. Gesamte Rede hier: rede-von-buergermeister-egbert-zaeh

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Auszug aus den „Amtlichen Nachrichten“ vom 29.11.1996

frau-forsterRede von Frau Karin Förster Mitarbeiterin des Landesmuseums Stuttgart zur Eröffnung der Ausstellung „Schwierigkeiten des Erinnerns“  im Heimatmuseum Bisingen, Kirchstraße 15:

Sehr geehrte Gäste,
und besonders unsere Gäste, die aus großer Ferne zu uns kamen: Herr und Frau Arbeid aus den Niederlanden Mister und Misses Gunzberger from Australia and from the USA: Mister Fischel Mister und Misses Nieschauer,

ich freue mich besonders über Ihre Anwesenheit und bewundere Ihren Mut, sich an einen der Orte zu begeben, der für Sie mit den schrecklichsten Zeiten Ihres Lebens verknüpft ist. Sie haben inzwischen schon viele Menschen getroffen und sicherlich viel berichten müssen. Ich denke, daß dies nicht immer leicht für Sie ist und in den nächsten Tagen werden auch Frau Glauning und ich ihnen noch viele Fragen stellen. Ich danke Ihnen für Ihre Bereitschaft; dazu möchte ich Ihnen jetzt bereits danken. Vielleicht haben Sie sich gewundert, als Sie die Einladung zur heutigen Eröffnung der Ausstellung erhielten, und darin eine Frage fanden:
Ein Heimatmuseum für Bisingen?
Sollte diese Ausstellungseröffnung nicht zugleich eine offizielle Eröffnung des Heimatmuseums sein?

Also hätte doch wohl eher ein Ausrufezeichen dahin gehört! Und je nachdem, wie Sie die Betonung setzten, ergaben sich auch gleich mehrere Fragemöglichkeiten.
Vielleicht haben Sie es dann einfach abgetan – als einen Druckfehler.

Es war keiner! In der Tat ist die Frage zu stellen: Ein Heimatmuseum für Bisingen?

Braucht Bisingen ein Heimatmuseum und wenn Sie meinen ‚Ja“, haben Sie sicherlich auch eine Vorstellung davon, was nun darin zu sehen sein sollte: Vielleicht „die gute alte Zeit?“, Schöne Dinge? oder alte Sachen, die sich mehr zufällig erhalten haben? Melancholische Erinnerungen an die eigene Kindheit, und Ähnliches mehr, Oder wünschen Sie sich ein Haus, in dem Sie mehr über den Ort erfahren können, in dem Sie heute leben – vielleicht gerade weil Sie nicht hier aufgewachsen sind. Ein Haus, in dem Sie mit anderen Lebensbedingungen, vielleicht mit Problemen, Sorgen und Mühsal konfrontiert werden, ein Haus aus dem Sie wieder gehen mit neuen Fragen und dann ins Gespräch kommen mit anderen Einwohnern über das Leben zu anderen Zeiten hier in diesem Ort und an anderen Orten, um vielleicht mehr von ihrer Art und ihrem Tun zu verstehen?

Dies wären schon 2 verschiedene Heimatmuseen. Erstere finden sie ohne Mühe im ganzen Land. Die zweite Art müssen Sie schon etwas länger suchen, sich wohl auch viel mehr Zeit zu einem Besuch nehmen, und sicher wieder kommen. – Gesamte Rede hier: rede-von-frau-karin-foerster

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Auszug aus den „Amtlichen Nachrichten“ vom 06.12.1996

Christine Glauning 1996Rede von Frau Christine Glauning, Projektleiterin der Ausstellungzur Eröffnung der Ausstellung „Schwierigkeiten des Erinnerns“  im Heimatmuseum Bisingen, Kirchstraße 15:

Der Titel der Ausstellung Schwierigkeiten des Erinnerns weist auf den Umgang mit Geschichte hin, er beschäftig sich mit der Schwierigkeit des Umgangs gerade mit diesem Teil unserer Vergangenheit – dem NS und seine schrecklichsten Auswirkung, den Konzentrationslagern.

Im konkreten Fall handelt es sich um das KZ in Bisingen Verdrängung, verschwommene oder widersprüchlich Erinnerungen, weiße Flecken. Über die Geschichte des KZ Bisingen scheint Gras gewachsen zu sein – im wahrste Sinne des Wortes. Das ehemalige KZ-Gelände ist bebau oder bewachsen, auf dem ehemaligen Ölschieferabbau Gelände befindet sich ein Sportplatz, umgeben von einen nach dem Krieg gepflanzten Wald. Die ehemalige Entlausungsbaracke, die außerhalb des Lagers stand, wurde nach dem Krieg zum Wohnhaus umgebaut – ohne eine Hinweis auf ihre Geschichte.

Fährt man auf der B 27 von Tübingen Richtung Balingen liest man auf dem Ausfahrtsschild Bisingen den Hinweis «KZ-Friedhof». Dieser Friedhof wurde auf Befehl der französischen Besatzungsmacht 1946/47 angelegt. Dort erfährt man, daß hier 1158 Tote des KZ Bisingen begrabe liegen, die während des Krieges in einem Massengrab verscharrt wurden. Man erfährt auch, daß die Toten namenlos sind.

Schwierigkeiten des Erinnerns heißt auch, daß das Gedenken an die Opfer von christlichen Symbolen bestimm wird, daß die jüdischen Opfer unter einem Kreuz begraben sind.

Die Briefe, die seit Kriegsende von Angehörigen ehemaliger KZ-Häftlinge nach Bisingen geschickt wurden mit der Bitte nach näheren Auskünften über Verbleib, Todesdatum oder Grabstätte, erhielten immer dieselbe Antwort 1158 namenlose Tote.

Damit lag für die Ausstellung ein entscheidender Forschungsschwerpunkt fest: Die Menschen hinter diese Zahlen sichtbar zu machen, ihre Namen und Schicksal
zu recherchieren. Weltweit kümmern sich heute Häftlingsorganisationen um überlebende KZ-Häftlinge, bewahren Forschungs- und Dokumentationszentren ihre Lebensgeschichten auf. Wir fanden bis jetzt in Kanada, Australien den USA, Tschechien, Polen und Holland ehemalige Bisinger Häftlinge und haben mit ihnen Kontakt aufgenommen. 15 haben uns geantwortet, vier haben sich auf die lang Reise nach Bisingen gemacht.Gesamte Rede hier: rede-von-christine-glauning

Zeitzeugen in Bisinger Schulen / Bisinger KZ-Geschichte im Fernsehen / weitere Planungen

Zum Abschluss der Ereignisse um die Eröffnung der Ausstellung „Schwierigkeiten des Erinnerns“ im Heimatmuseum Bisingen am 03. November 1996 hier noch einige Berichte über die Besuche der Überlebenden in den Bisingen Schulen, den Besuch des Fernsehens und Einblicke in weitere Planungen über einen Geschichtslehrpfad in Bisingen.Wie bereits vorher erwähnt war ich bemüht die wichtigsten Informationen aus einer Fülle von Unterlagen aus dem Bisinger Gemeinde-Archiv auszuwählen und hoffe sehr, dass mir das einigermaßen gelungen ist. Die Ereignisse in 1998 werden in Kürze folgen!

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