Auszug aus dem Schwarzwälder Bote vom 26. 10. 1998
Ein Tag der Versöhnung und der Freundschaft
Bisingen (bu). In einer Feierstunde am Sonntag nachmittag vor 300 Gästen ist der Geschichtslehrpfad zum ehemaligen KZ Bisingen eröffnet worden. Gleichzeitig wurde der Gedenkstein für die jüdischen Opfer des Konzentrationslagers enthüllt.
Bisingens Bürgermeister Joachim Krüger sprach von einem Tag im Zeichen der Versöhnung und der Freundschaft. Rückblickend erinnerte er an das Grauen von Millionen verfolgter und getöteter Menschen, wobei das KZ Bisingen den großen Vernichtungslagern in nichts nachgestanden habe. Man habe schon vor einer Reihe von Jahren begonnen, sich an die unseligen Vorkommnisse zu erinnern, was nicht überall auf Verständnis und Zustimmung gestoßen sei. Es ergebe sich aus der Geschichte heraus eine besondere Verantwortung und Pflicht. Heute und in Zukunft gelte es, die Erinnerung an das geschehene Unrecht wachzuhalten und alles dafür zu tun, daß Gleiches nicht mehr geschehe. Die Überlebenden würden er heute als Freunde herzlich aufgenommen: „Wir reichen ihnen die Hand“.
„Es ist seltsam, daß eine Stadt zu ihrer Vergangenheit steht“, meinte Landesrabbiner Joel Berger. Bisingen habe sich der Geschichte gestellt und sie verinnerlicht. Die Anwesenden dokumentierten durch ihr Kommen, daß man sich nicht mehr umdrehe und wegsehe. „Nur so lange wir Lebende sind, sind wir auch „Gedenkende“, sagte Berger. Und dies ermögliche, Lehren für die Zukunft ziehen.
Vier der KZ-Überlebenden sprachen anschließend zu den Gästen. Dave Fischel bat darum, daß jedes Jahr einmal Blumen auf den Friedhof gebracht und Gebete gesprochen werden. Für jene namenlosen Toten, die auf Lastwagen geladen and anschließend wie „faule Kartoffeln“ verscharrt worden seien.
Für Aaron Avni kam Befreiung aus dem KZ einer „zweiten Geburt“ gleich. Bisingen sprach er Dank und Anerkennung aus, daß es sich in die schwere Pflicht der Aufarbeitung genommen habe.
Harry Weinroth fand den Weg zurück nach Bisingen nur mit „sehr gemischten Gefühlen“. Er verlieh der Hoffnung Ausdruck, daß so etwas wie damals nie mehr passieren dürfe. In der Leidensodyssee von
Isac Wasserstein war die Zeit in Bisingen die schlimmste.
Pfarrerin Heidrun Hirschbach sprach von der Mitschuld der christlichen Kirchen an dem Leid. Sie verwies auf die ehemals antijüdische Einstellung und Haltung seitens der christlichen Theologie. Sie bedaure diese Gesinnung zutiefst. Ihr katholischer Amtskollege Pater Georg rief erneut zum Gedenken an die Ermordeten auf.
„Vergessen und nicht erinnern ist ein Frevel an den Toten. Sie werden ein zweites Mal ausgelöscht“.
Die Leiterin des Bisinger Heimatmuseums, Christine Glauning, gab einen kurzen historischen Abriß über die Geschichte des KZ Bisingen und über die frühere Gestaltung des Friedhofs, bei der die nichtchristlichen Religionen unberücksichtigt geblieben waren. Für Angehörige und Überlebende der jüdischen Opfer sei es schmerzhaft und verletzlich, nicht ihrem Brauch gemäß trauern zu können. Der Gedenkstein auf dem KZ-Friedhof Bisingen ermögliche es auch, um die ermordeten, nicht beerdigten Menschen anderer Konzentrationslager zu trauern. Den durch private Initiative errichteten zweiten Gedenkstein wollte sie als positiven „Stein des Anstoßes“, dem weiter Folgen könnten, verstanden wissen. Die musikalische Umrahmung mit jiddischen und hebräischen Liedern oblag der
Gruppe „Aljama“ unter Leitung von Chaim Kapuja aus Tübingen.
Der Enthüllung der beiden Gedenksteine gingen Totengebete auf hebräisch voraus (siehe Bild oben). Die
von den Überlebenden mitgestaltete Feier beinhaltete auch das Anzünden von sechs Kerzen durch Geistliche und Personen des öffentlichen Lebens. Die
Kerzen standen als Symbol für die sechs Millionen getöteter Juden.
Alle Bilder im Artikel und im Anschluß: Gemeinde Bisingen
Ies Arbeid berichtet über Godfried de Groot, einen ehemlaigen im KZ Bisngen verstorbenen holländischen Juden, für den er einen Gedenkstein mitgebracht hat
Während der Gedenkveranstaltung auf dem KZ-FRiedhof
Nach der Feierstunde auf dem KZ-Friedhof stellt Horst Prautzsch die Übersetzung von Otto Gunsbergers Autobiographie
“ Choice of Profession“ (Berufswahl) vor.
Otto Gunsberger und Bürgermeister Joachim Krüger
Otto Gunsberger und der Jugendgemeinderat
Harry und Robbie (li) Nieschawer
Harry Nieschawer erzählt seine Geschichte auf dem ehemaligen KZ Gelände
Familie Dave Fischel
Anmerkung: alle farbigen Bilder sind dem Archiv der Gemeinde Bisingen mit freundlicher Genehmigung entnommen.