Sr. Silvia Pauli: Vom Umgang mit der Last der Geschichte

Sr. Silvia Pauli kommt zu Filmaufnahmen an die Gedenkstätte KZ Bisingen

Von Ines Mayer

Sr. Silvia Pauli auf dem Öltank - Bisingen, Geschichtslehtpfad

Sr. Silvia Pauli auf dem Öltank – Bisingen, Geschichtslehtpfad

Vergangenheit ist, wenn es nicht mehr wehtut.“ Was Mark Twain hier mit leichter Feder formulierte, fällt in Wirklichkeit oft unglaublich schwer, bedeutet es doch, dass man seinen Frieden mit dem Vergangenen gemacht hat und nun ohne Pein zurückblicken kann. Dass die Aussöhnung mit der Vergangenheit selbst dann schwierig ist, wenn sie gar nicht auf das eigene Leben, sondern auf die Leiden der Vorfahren bezogen ist, wissen wir von den Kindern und Enkeln von Holocaust-Überlebenden. Wie sehr aber auch die Nachkommen der Täter unter der Last der Geschichte leiden, wird erst so langsam aufgearbeitet. Offenbar hat auch hier erst die dritte, die Enkelgeneration den Mut, nachzufragen und sich der eigenen Familiengeschichte zu stellen.

Die Schweizer Ordensschwester Silvia Pauli ist eine von den Enkeln. Ihr Großvater Johannes Pauli war 1944/45 Lagerführer des KZ Bisingen. Der SS-Unterscharführer Pauli hatte die Schweizer Staatsbürgerschaft und wurde 1953 in Basel für seine Taten im KZ Bisingen – wegen „fortgesetzten und wiederholten Totschlags“ – zu 12 Jahren Haft verurteilt. Er starb 1966. Über all das ist in der Familie jedoch nie gesprochen worden. „Mein Vater hatte eine unheimliche Angst, dass die Verstrickungen meines Großvaters ans Licht kommen“, erinnert sich Silvia Pauli. Schon als Jugendliche habe sie die bedrückende Atmosphäre in ihrem Elternhaus gespürt. Erst nach und nach wurde ihr bewusst, welches Geheimnis da gehütet wurde. Sr. Silvia sagt, sie habe das Schweigen als schwere und doch diffuse Last empfunden. Sie forschte nach, kam dafür auch nach Bisingen zum Gedenkstättenverein. Und: Sie redete offen über ihre ganz persönliche Auseinandersetzung mit der Rolle ihres Großvaters im Nationalsozialismus. Im November 2013 sprach Silvia Pauli im Museum in Bisingen öffentlich über ihr Ringen um Aufarbeitung und Aufbrechen der Schweigespirale.

Sr. Silvia Mai 2016 BIld beim Öltank - Geschichtslehpfad BisingenNun kam sie abermals nach Bisingen – in Begleitung zweier Filmemacher – um diese Aufarbeitung mit Hilfe des Mediums Film fortzusetzen. Zwei Tage lang machten Regisseur Lukas Zünd und Kameramann Arjun Talwar Aufnahmen im Museum und auf dem Geschichtslehrpfad. Daraus und aus weiteren Aufnahmen am Wohn- und Lebensort in der Kommunität Diakonissenhaus Riehen soll eine rund zwanzigminütige filmische Collage entstehen. Sr. Silvia verarbeitet ihre Gefühle und Gedanken am liebsten auf künstlerische Weise, indem sie diese an authentischen Orten in Form eines Ausdruckstanzes darstellt. Dazwischen gibt es reflektierende Passagen, angestoßen zum Beispiel durch Fragen, die Regisseur Zünd aus dem Off stellt.

Wenn man Silvia Pauli im frischen Grün des Bisinger Kuhlochwaldes agieren sieht, könnte man von weitem versucht sein, ihre anmutigen Bewegungen zu missdeuten. Was so ästhetisch aussieht, ist in Wirklichkeit eine schmerzhafte Konfrontation mit der eigenen schweren Bürde. Sr. Silvia spricht selbst von „Schuld und Scham“, die sie immer noch ganz jäh erfassten, sobald sie im Museum in Bisingen vor dem Porträtfoto ihres Großvaters, des KZ-Lagerführers stehe. „Ich zittere innerlich noch heute, wenn ich die Treppe zum Täterraum hochgehe.“ Um diese lähmenden Gefühle überwinden, mit „Schuld und Scham“ umgehen zu können – auch dafür drehen Silvia Pauli und ihre Begleiter den Film. Ob die Filmaufnahmen in Bisingen „das Ende ihrer Reise“ bedeuten, will Lukas Zünd wissen. „Nein, das glaube ich nicht“, antwortet Sr. Silvia. „Ich möchte wieder hierher kommen. Auch weil es hier Menschen gibt, die mir lieb geworden sind.“

Sr. Silvia Pauli in Bisingen - 1Sr. Silvia Pauli in Bisingen - 2Am Abend des ersten Drehtages traf sich Sr Silvia noch zum Essen mit mehreren Mitgliedern des

Kameramann Arjun Talwar, Redgisseur Lukas Zünd, Joachim Krüger, Uta Hentsch, Sr. Silvia Pauli, Franziska Blum

Kameramann Arjun Talwar, Redgisseur Lukas Zünd, Joachim Krüger, Uta Hentsch, Sr. Silvia Pauli, Franziska Blum

Gedenkstättenvereins. Dabei konnte an schon bestehende Bekanntschaften angeknüpft und neue geschlossen werden. Die Vorstandsmitglieder sind schon sehr gespannt auf den Film und werden diesen im Museum der Öffentlichkeit vorstellen. Dazu werden dann auch Silvia Pauli und die beiden Filmemacher wieder nach Bisingen kommen_____________________ENDE

Fotos: Mayer / Hentsch

HoZoZei 13. 05. 2016 Schweigen ist eine schwere Last

 

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