WER BIST DU? Flüchtlinge im Zollernalbkeis in doppelter Perspektive

 

wer bist du 05-07-2016 10Unter diesem Motto fand am 5. Juli 2016 eine Podiumsdiskussion im großen Saal der Hohenzollernhalle statt, mit der der Gedenkstättenverein Bisingen einen wichtigen Beitrag zur politischen Kultur in der Region leistete. Rund 150 Besucher, die meisten von auswärts, waren der Einladung gefolgt und erlebten einen bewegenden und anregenden Abend.

Auf dem Podium erzählten Makieh Aarabi aus Syrien, Amanuel Teklay aus Eritrea und Mile Nikolic aus Serbien mit großer Offenheit von Fluchterfahrungen und ersten Eindrücken in Deutschland, von erlebter Hilfsbereitschaft und „Zukunftsträumen“ (Aarabi). Die „zweite Perspektive“ auf das Thema Flüchtlinge wurde vertreten wer bist du 05.07.20164 Gesprächsteilnehmer mit Holger Grebewer bist du 05.07.2016 3 Gesprächsteilnehmerdurch Axel Leukhardt, Streetworker der LEA Meßstetten, Cornelia Maas von der Alice Salomon-Schule Hechingen (ASS) und Jean Claude Canoine vom Arbeitskreis Asyl in Balingen. Empathisch und souverän moderierte Holger Grebe vom Gedenkstättenverein das Podiumsgespräch. Er war auch der Initiator und Hauptorganisator der Veranstaltung. Umrahmt wurde das Programm von drei Schülern der Waldorfschule Frommern, die mit viel Einfühlungsvermögen Auszüge aus Navid Kermanis Buch „Einbruch der Wirklichkeit“ vorlasen.

wer bist du 05.07.2016 Begrüßung Dieter GruppIn seiner Begrüßungsrede erklärte der Vorsitzende Dieter Grupp, warum der Gedenkstättenverein dieses aktuelle Thema aufgriff: „Die Antwort ist, dass wir uns nicht nur als ein historischer, sondern als ein historisch-politischer Verein verstehen – und zwar ein Verein der von zivilgesellschaftlichem Engagement lebt und sich mit gesellschaftlich relevanten Themen befasst.“ Zu Titel und Format der Veranstaltung sagte Grupp: „Die böse Fratze der Fremdenfeindlichkeit zeigt sich vor allem dort, wo man sich nicht kennt. Deshalb ist der erste Schritt, dass man sich kennenlernt, miteinander ins Gespräch kommt und sich austauscht: ‚Wer bist du?’ will hierzu beitragen und dem gegenseitigen Kennenlernen und Verständnis heute Abend einen Raum geben.“

wer bist du 05.07.2016 -3 Schüler der Waldorfschule Balingen-Frommern -2Im Anschluss stimmten die drei Waldorfschüler mit Impressionen von der Balkanroute auf die erste Gesprächsrunde ein. Von Flucht und der Situation in den Herkunftsländern war zunächst die Rede. Die Bilder des lecken Schiffes, auf dem Makieh Aarabi vor rund zwei Jahren mit ihrer Familie von Libyen aus nach Italien fuhr, verfolgten sie jede Nacht, erzählte die junge Frau. Gerade noch rechtzeitig kam Rettung durch die italienische Marine. Traumatisches berichtete auch Amanuel Teklay aus Eritrea. Mehr als zehn Jahre war er dort zwangsweise beim Militär, zweimal für jeweils über ein Jahr im Gefängnis, „in einem dunklen Kellerloch“. Bei der dritten Inhaftierung gelang ihm die Flucht. Mile Nikolic erklärte, warum er nach Deutschland kam: „Wir Roma haben in Serbien keine Rechte.“ Dass er kaum Chancen hat, hier zu bleiben, ist ihm bewusst. „Ich habe solche Angst, wieder zurück zu müssen“, sagte er. Dabei würde er in Deutschland gerne als Altenpfleger arbeiten. Auch Makieh hat konkrete Pläne. Sie will in Heidelberg Medizin studieren, hat schon ein Stipendium. Amanuel hat bereits seinen Berufsweg eingeschlagen. Nach einem Jahr in der internationalen Klasse der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Balingen wird er dort und in der Firma Haug in Engstlatt zum Industriemechaniker ausgebildet. Dankbar für diese Chance begrüßte Amanuel einige seiner Balinger Lehrer, die seinetwegen zu der Veranstaltung nach Bisingen gekommen waren.

Auch die Gesprächsteilnehmer aus der „Helferszene“, wie Moderator Grebe augenzwinkernd formulierte, gaben interessante Einblicke in ihre Arbeit mit den Flüchtlingen. Ihre Schüler seien sehr motiviert und dankbar, die deutsche Sprache zu erlernen, berichtete Cornelia Maas von der ASS Hechingen. Leider werde ihre Arbeit torpediert, wenn mitten im Schuljahr Schüler aus der Klasse gerissen und abgeschoben würden. „Das ist dann immer eine Katastrophe für uns alle.“ Sie wünsche sich, dass die Schule ein „Schutzraum“ sei, die Schüler wenigstens für ein Jahr ohne Angst bleiben könnten. Von erfüllenden Begegnungen und Dankbarkeit berichtete auch Axel Leukhardt, der Streetworker aus der LEA. Letztes Jahr sei es wegen der Überbelegung oft sehr schwierig gewesen, aber inzwischen seien nur noch rund dreihundert Flüchtlinge in Meßstetten, die Verweildauer betrage nun zwei bis drei Monate, wodurch man wirklich Richtung Integration arbeiten könne. Schon ganz lange in der ehernamtlichen Arbeit mit Flüchtlingen engagiert sich Jean Claude Canoine vom Arbeitskreis Asyl. Er berichtete von der vielgestaltigen Unterstützung, die seine „Mannschaft“ in Balingen tagtäglich leiste. Ganz ausdrücklich lobte Canoine die „guten und menschlichen Behörden im Zollernalbkreis. Wir können sehr froh sein darüber.“

Zum Schluss bat Makieh Aarabi darum, einen kurzen Text vorlesen zu dürfen. Ihre Bitte um Empathie und Mitmenschlichkeit war ergreifend. Sie wünsche sich, in Deutschland ein besseres und sicheres Leben führen zu können, wolle „aktiv in dieser Gesellschaft wirken“. Vielleicht könnten die älteren Deutschen, die noch den Krieg erlebt hatten, nachempfinden, wie es sei, wenn alles zerstört werde, man alles verliere. „Bitte lassen Sie keine Vorurteile aufkommen“, appellierte Makieh an das Publikum.

wer bist du 05-07-2016 22Mit viel Applaus und dankenden Worten an die Podiumsgäste, aber auch an den Gedenkstättenverein für die mutige und wichtige Veranstaltung schloss der offizielle Teil des Abends. Aber noch lange standen zahlreiche Besuchergruppen in regen Gesprächen beisammen.

Bericht von Ines Mayer, Stellvertretende Vorsitzende

Fotos: U. Hentsch/I.Mayer – Zeitungsbericht per „Klick“ zum Lesen vergrößern oder auf den eigenen Schreibtisch ziehen

HoZoZeit 7. JUli 2016 - alles

 

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