BISINGEN – Konzentrationslager und Ölschieferwerk

Von Christine Glauning – aus “Möglichkeiten des Erinnerns” – Orte jüdischen Lebens und nationalsozialistischen Unrechts im Zollernalbkreis und im Kreis Rottweil (Hechingen 1997). Die Broschüre ist vergriffen und wird nicht wieder aufgelegt sondern ins Internet gestellt.

Luftaufnahme des KZ Bisingen und des Ölschieferwerks, 17. Februar 1945, University of Keele/GB. Zwischen Bahnhof und Lagertor sind die Fußspuren der Häftlinge auf ihrem Weg in das KZ zu sehen

In wenigen Monaten – von August 1944 bis März 1945 – wurden insgesamt 4150 Männer nach Bisingen in das dortige Konzentrationslager deportiert, darunter 1550 Juden. Sie kamen mit mehreren Transporten aus fast allen europäischen Ländern, hatten z. B. zuvor in den Ölschieferwerken in Estland oder für die oberschlesischen Hydrierwerke Zwangsarbeit geleistet, waren nach dem Scheitern des Warschauer Aufstandes 1944 verhaftet worden oder knapp der Vernichtung der ungarischen Juden ab 1944 entgangen.
Bisingen war für die meisten Häftlinge nur eine Station auf einem langen Leidensweg, der sie über die großen Konzentrations- und Vernichtungslager Dachau, Auschwitz, Danzig-Stutthof und Buchenwald zur Schwäbischen Alb brachte.
Als die ersten Tausend Häftlinge am 24. August 1944 von Auschwitz nach Bisingen deportiert wurden, stand das Lager noch nicht. Nur Zelte dienten notdürftig als Unterkünfte. Unter der Leitung der Organisation Todt mussten die Häftlinge die Baracken, Wachtürme und den Stacheldrahtzaun des KZ errichten sowie das Ölschieferwerk im „Kuhloch“ aufbauen.

Ölschieferwerk „Wüste 2“ in Bisingen, um 1945/46, Kreisarchiv Balingen

Die Häftlinge arbeiteten nicht nur im „Wüste-Werk 2“ in Bisingen, sondern auch in den Ölschieferwerken im benachbarten Engstlatt („Wüste 3“) und bei „Wüste 1“ auf dem Höhnisch (zwischen Dußlingen, Nehren und Gomaringen). Ein Teil der Häftlinge legte eine Wasserleitung quer durch Bisingen ins Ölschieferabbaugelände, einige Männer wurden an die Keller’sche Schuhfabrik „ausgeliehen“, reparierten das bei einem Luftangriff beschädigte Kirchendach oder räumten Trümmer aus zerbombten Häusern.
Teile der Bevölkerung versuchten, den Häftlingen zu helfen, indem sie dort Lebensmittel deponierten, wo die Häftlinge jeden Tag vorbeikamen. Trotzdem forderten die schwere Arbeit im Ölschieferwerk und die unmenschlichen Bedingungen im Lager vor allem im nassen Herbst und Winter 1944/45 viele Opfer. Die Häftlinge, die bis zu den Knien im Schlamm versanken, starben an Krankheiten, Schwäche, Hunger und Misshandlungen. Etliche wurden von SS-Männern erschossen oder erhängt.

Die ersten 29 Toten wurden im Krematorium in Reutlingen verbrannt, später mussten zwei Bisinger Männer die Leichen mit Pferdekarren zu einem Massengrab fahren, wo sie notdürftig verscharrt wurden. Mindestens 1187 Opfer forderte das KZ in Bisingen, davon liegen 1158 auf dem heutigen KZ-Friedhof begraben. Die Verhältnisse im Lager waren so katastrophal, dass sogar ein höherer SS-Offizier in Berlin Meldung machte woraufhin der Chef des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes, Oswald Pohl, das Bisinger Lager besichtigte und den übergeordneten Lagerleiter Franz Hofmann seines Amtes enthob. Die Sorgen der SS galten allerdings mehr der sich verzögernden Ölproduktion als dem Leiden der Häftlinge. Bisingen war vor allen anderen Ölschieferwerken Priorität eingeräumt worden. Am 23. Februar 1945 wurde hier der erste „Meiler“ gezündet. Bei diesem höchst aufwendigen und letztlich unergiebigen Verfahren wurde der Ölschiefer zu länglichen Hügeln aufgeschichtet und angezündet. Durch die Hitze sollte das Öl aus dem Schiefer geschwelt werden. Nur wenig Treibstoff wurde noch in den letzten zwei Kriegsmonaten gewonnen.

Dave Fischel, KZ-Häftling in Bisingen, kam mit dem Buchenwald-Transport im März 1945 nach Bisingen. Die Aufnahme zeigt ihn nach der Befreiung durch die Amerikaner, Privatbesitz

Aufgrund eines Befehls des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler, der die Evakuierung aller Lager vor Heranrücken der Alliierten anordnete, löste die SS im April 1945 das KZ Bisingen auf, schickte 769 Häftlinge in zwei Transporten nach Dachau-Allach und den Rest zu Fuß auf den „Todesmarsch“ in Richtung Oberschwaben und Bayern, den viele nicht überlebten. Die überlebenden Bisinger KZ-Häftlinge wurden in Dachau bzw. bei Ostrach (Kreis Ravensburg), Altshausen (Kreis Sigmaringen) oder Garmisch-Partenkirchen befreit.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ordnete die französische Besatzungsmacht an, dass die Toten des Bisinger Massengrabes exhumiert und einzeln in Särgen auf einem neu angelegten Friedhof beerdigt wurden. Insassen des Reutlinger und Balinger Kriegsverbrecherlagers mussten die Leichen ausgraben. Ehemalige NSDAP-Mitglieder (v. a. Lehrer, Pfarrer und frühere Bürgermeister) aus allen Landkreisen des französisch besetzten Gebietes in Württemberg-Hohenzollern wurden nach Bisingen gebracht, um sich mit eigenen Augen von der Existenz des KZ Bisingen und den vielen Opfern zu überzeugen.

Exhumierung des Massengrabes, 1946, Privatbesitz.

Pferdebesitzer aus Bisingen und Umgebung wurden dazu verpflichtet, die Särge vom Massengrab zum KZ-Friedhof zu transportieren.
„So haben wir in dieser Zeit 1100 Särge vom Ludenstall auf den KZ-Friedhof hochgefahren. Es war für mich nach über fünfjähriger Soldaten- und Kriegszeit das beschämendste Erlebnis in meinem Leben.“ (Schriftlicher Bericht eines Zeitzeugen)

BISINGEN I Places: Concentration camp and oil shale-works: bisingen-i-places-concentration-camp-and-oil-shale-works

Fortsetzung: KAP 3 BISINGEN – I Orte: KZ-Friedhof

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