Gewalt, die Unschuldige traf –

gedenkveranstaltung-haigerloch-4Pogromnacht 1938: Gestern Gedenkfeier mit Landrat Pauli in der Ehemaligen Synagoge Haigerloch
Von Thomas Kost

Haigerloch. »Was das Böse braucht um zu triumphieren, ist das Wegschauen der Mehrheit«: Worte des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan, die Bürgermeister Heinrich Götz gestern bei der Gedenkfeier in der Ehemaligen Synagoge sprach. Dort wurde an die verbrecherischen Taten gedacht, die vor 70 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10 November 1938 an der jüdischen Bevölkerung, ihrem Besitz und ihren Gotteshäusern begangen worden waren. Nicht nur in den großen Städten Deutschlands, sondern auch in kleinen Landgemeinden wie Haigerloch.

Haigerlochs Stadtoberhaupt erinnerte daran, wie 45 SA-Leute in jener Nacht nicht nur die Synagoge demolierten und verwüsteten, sondern auch 16 weitere Häuser im Haag. »Ein Terror«, so Götz, »der Menschen traf, die sich nichts zu Schulden kommen lassen haben und nur verfolgt wurden, weil sie Juden waren.«

Auch Landrat Günther-Martin Pauli forderte dazu auf, die Erinnerung an diese Greueltaten aufrecht zu erhalten. Die Verbrechen seien nicht irgendwo geschehen, sondern hier in der Region: In Haigerloch, Hechingen, Horb und anderswo. Deshalb seien auch Gedenkstätten wie die Ehemalige Synagoge in Haigerloch wichtig. Pauli: »Sie geben Impulse dafür, dass in unserer heutigen Gesellschaft wieder Werte wie Mitmenschlichkeit und Toleranz in den Vordergrund rücken.«

Die evangelische Pfarrerin Els Dieterich kritisierte die passive, vom latenten Antisemitismus durchzogene Haltung beider Kirche nach den Geschehnissen. Nur wenige wie der Theologe Dietrich Bonhoeffer oder Bischof Sproll aus Rottenburg seien damals aufgestanden und hätten das Unrecht angeprangert. Der Rest habe sich in »mutloses Schweigen« gehüllt.

Helmut Gabeli, zweiter Vorsitzender des Gesprächskreises Ehemalige Synagoge zeigte danach mit seinem Vortrag »Reichspogromnacht 1938 – nichts als Scherben?« die Bedeutung der Schreckensnacht für das, was auf sie folgte auf (wir berichten noch) – siehe nächstes Bild, zur Vergrößerung anklicken.
Der Chor »Vox Humana« gab der Gedenkfeier einen würdigen Rahmen. Mit hebräischen Liedern und christlichen Psalmgesängen schlug er eine Brücke zwischen den beiden Religionen.

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Herr Kost gab die Genehmigung zur Veröffentlichung seiner Berichte vom 10./11.  November 2008 im Schwarzwälder Bote.


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Ehemalige Synagoge Haigerloch – 09. November 2008 – Foto Hentsch

27.01.2008 – Internationaler Holocaust-Gedenktag im Heimatmuseum Bisingen

2-plakat-2701Für den „Verein Gedenkstätten KZ Bisingen“ war es ein großes Anliegen, zu einer öffentlichen Gedenkstunde um 18:00h einzuladen und erhielt dazu große Unterstützung durch die Leiter-und Lehrerschaft der Grund-Haupt-und Werkrealschule Bisingen mit den Schülern der Klasse 9a+b.

In vielen lokalen Gemeinden, Gedenkstätten-Initiativen, Kirchen und Freien Gemeinden Europas und Deutschlands wurde am Sonntag des Tages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27.Januar 1945 durch die rote Armee gedacht. Mit eingeschlossen in das Gedenken waren gleichermaßen auch die von den Nazis und ihren Schergen ermordeten sechs Millionen Juden und eine Million Menschen aus Minderheitsgruppen und physisch/geistig behinderten Menschen.

Bereits eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung wurden die Schüler von drei Mitgliedern des Vereins zur Einstimmung auf die Gedenkstunde in drei kleinen Gruppen in verschiedenen Räumen des Museums mit unterschiedlichen Inhalten zur Geschichte des Konzentrationslager Bisingen vertraut gemacht.
Die Begrüßung zu Beginn beinhaltete gleichermaßen den Dank an die etwa 40 Schüler und Lehrer für ihr Engagement und ihre Teilnahme an der Thematik des Gedenkens an diesem Tag. Dank für ihr Kommen ging auch an Pfarrerin Heidrun Hirschbach und Rektor Alfred Tritz.

Zunächst wurde daran erinnert, dass der damalige Bundespräsident Roman Herzog, am 06. Januar 1996 den 27. Januar zu einem „Nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“ erklärte hatte. „(….) Der 27. Januar soll dem Gedenken an die Opfer der Ideologie vom „nordischen Herrenmenschen“ und „Untermenschen“ und ihrem Existenzrecht dienen. Die Wahl des Datums zeigt das unmissverständlich“ sagte Herzog am 19. Januar 1996.

Internationale Bedeutung bekam der 27. Januar dann am 02. November 2005, als die UN-Vollversammlung in New York erstmals eine von Israel vorgebrachte Resolution annahm.
„Ich bin bewegt und fühle mich privilegiert, diese historische Resolution ein zu bringen“, sagte der israelische UN-Botschafter Dan Gillerman am Montag zu Beginn er Beratung. „Die Vereinten Nationen wurden gegründet auf der Asche des Holocaust. Die Vereinten Nationen tragen eine besondere Verantwortung dafür, dass der Holocaust und was man aus ihm lernen kann niemals vergessen wird und dass diese Tragödie für immer als Warnung vor den Gefahren des Hasses, der Engstirnigkeit und der Vorurteile besteht.“ Das versammelte Gremium nahm den Antrag mehrheitlich an, den 27. Januar zum Internationalen Gedenktag für den Mord der deutschen Nationalsozialisten an 6 Millionen Juden zu ernennen. Von 191 anwesenden Staaten wurde die Resolution nach Gillermann von 104 Staaten unterstützt. Mit Verabschiedung dieses Antrags wurden die einzelnen Länder aufgefordert, Unterrichtsprogramme zu erstellen, um zu helfen, dass ein Völkermord in Zukunft verhindert und gegen Holocaust-Verleugnung, Diskriminierung und Gewalt gegen Minderheiten entschieden vorgegangen wird.

Für die Mehrzahl der Judenheit ist der Begriff „Holocaust“ (griech. „holocautoma“ – völlig verbranntes/Brandopfer) nicht annehmbar. Der Begriff „Brandopfer hat für sie hochreligiösen Inhalt, der den „Levitischen Opferdiensten“ (3./4Mose – 3. Mose 16,3: ein Widder zum Brandopfer am großen Versöhnungstag, Jom Kippur) zu zuordnen ist. Das hebräische Wort „Schoa“, Vernichtung, Untergang, Zerstörung, große Katastrophe – ist für die Judenheit die angemessene Bennennung und in der Tat: sollte letztendlich nicht da Jüdische Volk als Gesamtheit“ endgültig“ vernichtet werden.

7-kerzenZum Gedenken an sieben Millionen Ermordeter, als Botschaft für Hoffnung und Zeichen der Entschlossenheit jeder Form der Holocaust-Leugnung und des Antisemitismus wie auch der Diskriminierung und Gewalt von Minderheiten entgegen zu wirken, entzündeten sieben Schüler sieben Lichter – sechs Lichter für sechs Millionen ermordeter Juden und ein Licht für eine Million ermordeter Nichtjuden – Szinti und Roma, Kommunisten und Sozialisten, Homosexuelle, geistig und physisch Behinderte und auch Christen, wie Dietrich Bonhoeffer.

Ein Film „Wir gedenken den Opfern des Holocaust“ von Claudia Simon, Mössingen, schilderte in beklemmender Weise die Zustände im Konzentrationslager Auschwitz, und verknüpft diese mit Aussagen von Zeitzeugen. Mit einer Sequenz aus „Großer Gesang des Yizchak Katzenelson vom ausgerotteten jüdischen Volk“ – Teil 4: „Schon wieder die Waggons“ wurde der Abschnitt des Gedenkens abgeschlossen – die Atmosphäre tiefer Betroffenheit über das Gesehene und Gehörte war „greifbar“ und real erkennbar.

Ein 30minütiges, musikalische Programm von Schülern der Klasse 9a+b und etwa 20 Lehrern der Grund-Haupt- und Werkrealschule Bisingen, einschließlich ihres Rektors Herrn Tritz, bildete den zweiten Teil der 8img_0147Gedenkstunde. John Newtons „Amazing Grace“, Bob Dillens „Die Antwort weiß nur der Wind“ , Marlene Dietrichs „Sag mir wo die Blumen sind“ und zum Abschluß Jürgen Werths „Wie ein Fest nach langer Trauer“ wurden als absolut professionell zu bezeichnen vorgetragen in instrumentaler Begleitung von Karl- Heinz Merz, Claudia Bilet-Barfuß und Herrn Barfuß.

6-pfrEine Anmerkung zum Inhalt der einzelnen Lieder wurde jeweils von Schülern vorgetragen. Mit einem nochmaligen großen Dank an die Mitwirkenden der Grund-Haupt- und Werkrealschule an dieser Stelle. Ihr Einsatz zeigte Vorbildcharakter ganz besonders auch
für die jungen Menschen, die Sie unterrichten. Dazu passt ein abschließendes Wort von Eli Wiesel, dass für unser Heute und für unsere Zukunft eine Mahnung und Aufforderung zu verstehen ist:
„Es war möglich, in die allmächtig erscheinende Herrschaft des Terrors einzugreifen. Alles. was dazu nötig war, war es zu wollen. Eine Geste, ein Zeichen der Anteilnahme, ein Funke Menschlichkeit genügten.“
Ein herzlicher Dank an dieser Stelle geht an die Schüler und ihre Lehrer, die diese Gedenkstunde sehr eindrucksvoll gestaltet haben. Uta Hentsch, Bisingen (Fotos Hentsch).

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Schwarzwälder Bote, Hanne Grunert

zum Lesen einfach anklicken

Noch einige Bilder zur Veranstaltung:

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Hinein in die Finsternis – Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Pogromnacht

Innerhalb eines Telefongesprächs mit Herrn Dr. Vees erhielt ich „grünes Licht“ zur Veröffentlichung seines Berichtes zur Gedenkfeier in der „alten Synagoge, Hechingen am 09. 11. 2008. In Zusammenhang mit der Vernetzung der Gedenkstätten „Oberer Neckar und Zollernalbkreis“ (siehe Beitrag am 08.11.08) erscheint es mir durchaus angemessen auch Berichte aus dem von Bisingen nur wenige Kilometer entfernten Hechingen und Haigerloch aufzunehmen. Genau so, wie Dr. Vees hier berichtet haben wohl alle Zuhörer diesen Abend erlebt!  An dieser Stelle an Herrn Dr. Vees noch einmal herzlichen Dank – Uta Hentsch

Hinein in die Finsternis –
von Dr. Adolf Vees, Hechingen, erschienen in der Hohenzollerischen Zeitung am 11. November 2008

Wortlos und von Schmerz ergriffen gingen die Besucher der Alten Synagoge nach der Gedenkfeier zum 70.Jahrestag der Pogromnacht auseinander.

Hechingen. Die Menschen waren nicht nur aus der Stadt gekommen, sie waren angereist aus Tübingen und Reutlingen, aus Balingen und Albstadt, aus Rottweil und aus Freudenstadt. Aber nicht nur die Alten waren da, die noch Kindheitserinnerungen an die böse Nacht von vor 70 Jahren haben mochten, man sah auch die Jungen. Und jedermann, der die Texte von Elie Wiesel hörte, des Mannes. Der die Hölle von Auschwitz erlebte, der als Gezeichneter und Verwandelter um Sinn und Worte ringt, wurde in dieser Nacht stumm und ratlos.

Das Grauen erfasste die Menschen, als Rudolf Guckelsberger aus Wiesels Büchern „Nacht“ und Gezeiten des Schweigens“ las, es kroch unter die Haut und ließ die Körper erbeben. Man fragt sich, ob dem nächsten Satz noch standhalten würde, ob man noch einen Augenblick Kraft finden werde, sich den Bildern auszusetzen, die Elie Wiesel in seiner Erinnerung aufrief. Wie in Erstarrung verharrten die Menschen, und wäre nicht die wunderschöne Musik des Sextetts um Raphael Schenkel mit seiner Klarinette gewesen, so hätte es an diesem Abend kein Atemschöpfen und keine Hoffnung gegeben.

So melancholisch und heiter, so leichtfüßig und besinnlich die Melodien von Sergej Prokofjew und Joseph Achron auch sein m mochten, so lebensvoll sie aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch erzählen mochten, vertieften sie doch den Schmerz über die verlorene und untergegangene Welt der Juden von Mittel- und Osteuropa. Der Abend hatte die Menschen in Einsamkeit und Isolation geführt, sie gingen wortlos auseinander. Sie hatten eine Realität erfahren, die sie nicht fassen konnten. Um es mit Worten von Elie Wiesel zu sagen: sie hatten erahnt, was es heißt: Sobald man aufbricht zu begreifen, erreicht man die Finsternis.

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Fotos: U.Hentsch

Das Hechinger Heimweh – von Dr. Adolf Vees – Der Autor erzählt von Schicksal und Heimweh der Hechinger Juden. Er schrieb auf, was ihm Alfred Weil in New York, Grete Model aus Sao Paulo und viele andere geflohene, vertriebene Hechinger berichteten und was alteingesessene Bürger aus der jüdischen Welt Hechingens noch wußten.

Silberburg-Verlag, ISBN – 3-87407-256-8

Zum 70sten Jahrestag der Reichspogromnacht eine neue Zeitschrift und ein Interview

titelblatt-rundschau-1ruckblatt-rundschau-1Die Fotos enthalten die Titelseite und das Rückblatt der „Rundschau“ mit dem Beiträgen „In gemeinsamer Sache“ von Heinz Högerle, Rexingen und „Einigkeit macht stärker“ von Konrad Pflug, Landeszentrale für politische Bildung, Stuttgart. Anklicken zur Vergrößerung – Text wird gut lesbar!

Heinz Högerles Beitrag berichtet über die Vernetzung und Arbeit der Gedenk-Initiativen. Der Beitrag von Konrad Pflug stellt eine Ergänzung dazu dar.

Der 70.ste Jahrestag der Reichspogromnacht am 09. November 2008 war uns Anlass, unsere erste gemeinsame Zeitschrift „Rundschau“ herauszubringen. Jede der sieben Initiativen – Gedenkstätte Synagoge Baisingen, Gedenkstätten KZ Bisingen, KZ-Gedenkstätten Eckerwald/Schörzingen und Dautmergen-Schömberg, Ehemalige Synagoge Haigerloch, Alte Synagoge Hechingen, Ehemalige Synagoge Rexingen, Ehemalige Synagoge Rottweil –  ist darin mit einem Beitrag vertreten.
Die „Rundschau“ liegt seit Mitte Oktober in den Gedenkstätten der jeweiligen Initiativen aus und wird für den Unkostenbeitrag von 1,- Euro abgegeben.

Der nachfolgende Bisinger Beitrag für die Erstausgabe der Zeitung ist ein Interview mit einem jungen Bisinger. Mir war es wichtig sein Projekt über die Gedenkstätten KZ Bisingen und vor allem seine Vorgehensweise zur Realisierung dieser Arbeit vorzustellen – als mögliche Hilfe für andere junge Menschen, die sich für die Thematik: „Gegen das Vergessen“ engagieren möchten. Fabian Hoffmann hat mich gebeten auch weiterhin mit seinem Vornamen und „Du“ anzusprechen – das sollte hier aus verschiedenen Gründen einfach noch Erwähnung finden.

Geschichte betrifft uns alle – man muss darüber Bescheid wissen“
Interview mit Fabian Hoffmann, einem 17 jährigen Bisinger Schüler  über sein Schul-Projekt zum Thema  „Gedenkstätten KZ Bisingen“

img_3091fabian_2Fabian Hoffmann lernte ich im Frühjahr 2005 kennen, als er mit sechs anderen Achtklässlern der Bisinger Realschule im März ein 4tägiges Sozialpraktikum bei uns in den Gedenkstätten KZ Bisingen absolvierte. Schon damals fiel Fabian mir durch seine einerseits zurückhaltende Art aber andererseits auch starkes Interesse an allem was er sah und hörte, auf. Ende Februar 2008 rief er mich an, erzählte mir, dass er z. Z. das Wirtschaftsgymnasium in Hechingen besucht und fragte, ob ich ihm Hilfestellung für sein „Schulprojekt“ über unsere Gedenkstätten geben könnte. Die Schüler hatten zum Abschluss der 11 Klasse die Aufgabe erhalten eine „Werbe-Kampagne“ für ein Objekt ihrer Wahl zu erarbeiten Die Zusage der Unterstützung war ihm sicher.

Fabian, Du hast mir erzählt, dass Geschichte eines Deiner Lieblingsfächer ist,  jedoch die Geschichte des 1. und 2. Weltkriegs nicht dazu gehörte. Zu Deinen Favoriten zählten Ägypten und das Altertum generell. Wie kam es, dass Du Dich im März 2005 für das Praktikum in den Gedenkstätten KZ Bisingen entschieden hast?

Fabian: Seit meinem sechsten Lebensjahr ist es mein Wunsch Lehrer zu werden, und Geschichte interessiert mich sehr. So dachte ich, es ist vielleicht wichtig, auch die Geschichte der Weltkriege und die Geschehnisse in Bisingen kennen zu lernen, vielleicht würde ich ja im Praktikum Gefallen daran finden. So kam es zu dieser Entscheidung.

Erzähle ein wenig über Deine damaligen Eindrücke.

Fabian: Ich fand es zunehmend spannend. Die Eindrücke im Museum haben mich vollkommen eingenommen, und ich wollte mehr über diese Zeit wissen – das Praktikum hätte länger sein können.

Neben dem Fach Geschichte haben ja auch die Fächer Biologie, Deutsch und Französisch einen hohen museum-neu-ausschnittStellenwert für Dich  und außerdem liest Du sehr gerne. Warum hast Du Dir für Dein „Werbe-Kampagne“-Projekt“ ausgerechnet die Gedenkstätten KZ Bisingen mit der Ausstellung im Heimatmuseum ausgewählt und welches Ziel wolltest Du damit erreichen?

Fabian: Die Erfahrungen im Sozialpraktikum im März 2005 haben mich sehr beeindruckt und weit voran gebracht. Ich wollte damit gegen die Verdrängung arbeiten, die Mitschüler mit dieser Arbeit ansprechen.
Wie können Menschen die Geschichte verdrängen – es ist doch die Geschichte Bisingens. Geschichte betrifft uns alle – man muss darüber Bescheid wissen.

Euer Lehrer, hatte einen relativ knappen Zeitraum für dieses Projekt bis hin zur Vorstellung angesetzt. Du musstest Dir ja für die Erarbeitung zum Thema zunächst ein Konzept anlegen. Wie bist Du vorgegangen?

Fabian: Ich hatte ja noch die Unterlagen aus dem Sozialpraktikum. Außerdem hatte ich mir ein Buch über Sozialpädagogik „Vom Nutzen der grauen Theorie – für Referendare“ gekauft und gelesen. Ich notierte zunächst alle Ideen, die mir zum Thema kamen. An einem Abend war ich  so erschöpft von der Arbeit, dass ich beschloss früher als geplant schlafen zu gehen. Als ich am nächsten Morgen um 5:00h aufstand, war das Konzept fertig in meinem Kopf.

Bitte erzähle doch abschließend über die Präsentation Deiner Arbeit in der Schule und die Reaktion Deiner Mitschüler und Deines Lehrers zu Deinem Referat.

Fabian: Zwei Schulstunden standen für meine Projekt-Vorstellung zur Verfügung und als ich einmal begonnen hatte war die Aufregung vergessen – es floss sehr gut. Obwohl ich ja viel Zeit hatte, erschien sie mir doch nicht ausreichend – meine Mitschüler hätten den Film den ich zeigte gerne bis zum Ende gesehen (Anmerkung: ein Film mit einem Bisinger Zeitzeugen und einem Holocaust-Überlebenden). Mein Lehrer fand es sehr interessant über die JUSO-Gruppe zu hören, die ja mit der ganzen Aufarbeitung zur Geschichte des KZ Bisingen begonnen hatte. Er gab dazu noch einige Ergänzungen. Am Ende hat er mich gelobt für meine Arbeit.

Welchen Stellenwert möchtest Du der Auseinandersetzung mit der „Drittes Reich-Thematik“ und Holocaust grundsätzlich und dem Geschehen in dieser Zeit in Deinem Heimatort Bisingen speziell im Schulunterricht geben?

Fabian: Einen hohen Stellenwert. Ich habe bis zum Sozialpraktikum nicht gewusst wie interessant und wichtig die Kenntnis über unsere Geschichte ist. Das Thema darf in der Schule nicht fehlen. Sicher kommt es auf den Einstieg an und hier in Bisingen gibt es ja die Möglichkeit praktisch vor Ort Erfahrungen machen zu können.

Vielen Dank Fabian für die Mitteilung Deiner Erfahrungen und Dein großartiges Engagement zum Thema: „Mut zur Erinnerung und Mut zur Verantwortung“. Junge Menschen wie Du sind ein starker Hoffnungsträger gegen das Vergessen! Viele gute Wünsche für den vor Dir liegenden Weg und gutes Gelingen für alle Deine Vorhaben.

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Das Interview mit Fabian Hoffmann führte Uta Hentsch, Vorsitzende des Vereins „Gedenkstätten KZ Bisingen“ im Juli 2008 – Fotos: Hentsch

70. Jahrestag der Reichspogrom-Nacht – eine beeindruckende Ansprache auf dem KZ Friedhof Bisingen von 2002

Ansprache auf der Gedenkfeier des Gesprächskreises „Möglichkeiten des Erinnerns“ (Gedenkstätten KZ Bisingen) am 09. November 2002 – von Hans Martin

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Liebe Bisingerinnen und Bisinger, Her Bürgermeister Krüger, liebe Gäste, Freundinnen und Freunde,

wenn wir uns heute hier zusammengefunden haben, so wollen wir an eine Vergangenheit erinnern, die nicht vergehen darf.

Wir gedenken heute an die Reichspogromnacht vom 09. November 1938.

Wir wollen zweitens gedenken und Erinnern, an die 1158 ermordeten Häftlinge des Konzentrationslagers Bisingen, vor deren Gräbern wir stehen.

Und wir wollen drittens erinnern und gedenken an die 6 Millionen jüdischen Opfer, Männer, Frauen und Kinder des Holocaust / der Schoa und aller Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen.

Am 07. November 1938 erschießt der 17jährige deutsch-polnische Jude Herschel Grynszpan, in der deutschen Botschaft in Paris den Botschaftssekretär Ernst von Rath.

Er begeht die Tat aus Wut und Verzweiflung über die Ausweisung und Abschiebung seiner Familie und weiterer 1.000 deutsch-polnischer Juden über die Grenze nach Polen.

Diese Tat kommt den Nazis gerade recht, eine Hetztirade von Goebbels gibt das Signal zum Aufruhr. SA und SS-Horden entfesseln einen Terror gegen die jüdische Bevölkerung. Sie hatten einen idealen Vorwand für die Judenverfolgung.

– Die Juden werden gejagt, geprügelt und erschlagen.
– 267 Synagogen werden niedergebrannt.
– 7.500 Geschäfte und Wohnungen geplündert,
– 116 Frauen und Männer finden den Tod.

Gerne möchte ich empfehlen die vollständige, sehr bemerkenswerte Ansprache nachzulesen – hier: zum-70sten-jahrestag-der-reichspogromnacht

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Bisingen – Geschichtslehrpfad

„Schwierigkeiten des Erinnerns….“

Plan von Bisingen, um 1947: KZ (1), Entlausungsbaracke (2), Ölschieferabbaugelände (3), Fabrikanlagen (4), KZ-Friedhof (5), Massengrab (6), Archives du Ministere des Affaires Etrangeres, Colmar.

Die Ausstellung im Heimatmuseum wurde 1997/1998 um einen Geschichtslehrpfad ergänzt, den junge Erwachsene aus aller Welt im Rahmen eines Internationalen Workcamps angelegt haben.
Durch den Lehrpfad sollen die historischen Orte, die im Zusammenhang mit dem KZ Bisingen stehen, sichtbar und begehbar gemacht werden. Speziell auf die Orte zugeschnittene Monumente und Schautafeln sollen deren Geschichte kenntlich machen.

  • 1. Das ehemalige KZ-Lagergelände in der Schelmengasse.
  • 2. Das ehemalige Ölschieferabbaugelände im „Kuhloch“.
  • 3. Das ehemalige Massengrab im Ludenstall.
  • 4. Der KZ-Friedhof: Hier soll die Existenz der verschiedenen Opfergruppen sichtbar gemacht werden (Juden, die unter dem christlichen Kreuz begraben liegen, Russisch-Orthodoxe, Sinti und Roma).

Kleinere Hinweistafeln dokumentieren Orte wie den Bahnhof (Ankunft der Häftlinge), Überreste der Produktionsstätten im Wald usw.
So kann z. B. auf dem Geschichtslehrpfad der Weg nachgegangen werden, den die Häftlinge jeden Tag vom Lager ins Abbaugelände im „Kuhloch“ nehmen mussten. Zeitzeugen erinnern sich an diesen Weg als „Zebra-Wegle“ – so benannt nach der gestreiften Kleidung der Häftlinge. Im „Kuhloch“ kann man einen Teil der 1996/97 freigelegten technischen Anlagen des Ölschieferwerks mit dicken Betonmauern betrachten (Ölbunker und Gebläsestation). Ferner ist die mehrere Meter hohe Abbruchkante zu sehen, an der die Häftlinge den Ölschiefer abbauen mussten. Über die Mächtigkeit des Materials ist die schwere Arbeit erfahrbar, die die Häftlinge – oftmals mit ungenügenden Werkzeugen oder bloßen Händen -leisten mussten.

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Aus: „Möglichkeiten des Erinnerns“, Bisingen, 1997 von Christine Glauning

Bisingen – Ausstellung / Überlebende

„Schwierigkeiten des Erinnerns….“

Jahrzehntelang war über die Bisinger KZ-Häftlinge nur wenig bekannt – „namenlose Tote“, wie es auf einer Tafel am KZ-Friedhof geschrieben steht.
In der Erinnerung ist auch von „Juden oder Schwerverbrechern“, von „Kriminellen“ die Rede – die Propaganda von damals wirkt auch heute noch.
Die Männer, die 1944/45 nach Bisingen deportiert worden waren, sollen aus ihrer Anonymität befreit werden. In der Ausstellung sollen nach und nach alle Namen der 4150 Bisinger Häftlinge rekonstruiert sowie Biographien, Fotos, Dokumente und andere Erinnerungsstücke gesammelt werden, die zeigen, dass sich hinter den Überlebenden und den bisher unbekannten Toten Menschen und Schicksale verbergen.
Bild 11: Vier Überlebende des KZ Bisingen bei der Eröffnung der Ausstellung im Heimatmuseum Bisingen am 3. November 1996: Dave Fischel, Otto Gunsberger, Harry Nieschawer, Isaac Arbeid (von links nach rechts).

Die Suche nach Überlebenden war ein Schwerpunkt des Bisinger Ausstellungsprojektes. Über verschiedene Häftlingsorganisationen konnten weltweit 15 ehemalige Bisinger KZ-Häftlinge gefunden werden. Vier kamen im November 1996 zur Ausstellungseröffnung nach Bisingen, berichteten beinahe ununterbrochen über ihre Erinnerungen – in den Schulen, in Interviews, in Gesprächen und in einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung. Für ihren Mut und ihre Bereitschaft sind wir ihnen außerordentlich dankbar. Nach über 50 Jahren war es für sie keine leichte Reise: Harry Nieschawer, Otto Gunsberger, Dave Fischel, Isaac Arbeid. Und nicht zu vergessen ihre Frauen, die sie begleitet haben und die ebenfalls während des Zweiten Weltkrieges in unterschiedliche Konzentrationslager deportiert worden waren.

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4 Überlebende des KZ Bisingen bei der Eröffnung der Ausstellung im Heimatmuseum Bisingen am 03. November 1996: Dave Fischel, Otto Gunsberger, Harry Nieschawer, Isaac Arbeid sel. A. (von links nach rechts) Foto: Gemeinde Bisingen


Aus: „Möglichkeiten des Erinnerns“, Bisingen, 1997 von Christine Glauning

Zur Ausstellung im Heimatmuseum -Zeitzeugen

„Schwierigkeiten des Erinnerns….“

Stanislaw Sagan, in einem Brief am 4. September 1996 von Toronto/Kanada nach Bisingen:
„Es war in der Tat eine große Überraschung, als ich hörte, dass Ihre Gemeinde nach 52 Jahren beschloss, derjenigen zu gedenken, die in Ihrer Mitte gelitten haben und derjenigen, die von den Nazis getötet wurden. Zuerst widerstrebte es mir, irgend etwas mit einem solch verspäteten Ausbruch an Bewusstsein zu tun zu haben, aber dann dachte ich nach. Nach allem, jetzt Ihre eigenen Leute an die Grausamkeiten der Nazis zu erinnern, wenn vielleicht die meisten unter Ihnen diese ziemlich ‚unangenehme‘ Episode in ihrem Leben lieber vergessen würden, kostet einigen Mut von Ihrer Seite.“
So beschreibt ein ehemaliger Bisinger KZ-Häftling seine erste Reaktion auf das Ausstellungsprojekt im Heimatmuseum Bisingen – anfängliche Skepsis und Abwehr, die dann doch in die Bereitschaft umschlägt, sich den eigenen Erinnerungen zu stellen und diese mitzuteilen.
Die Ausstellung im Heimatmuseum stellt die historischen Hintergründe des Unternehmens „Wüste“ dar. Sie versucht mit Fotos, Gegenständen, Zitaten und Hörbeispielen nachvollziehbar zu machen, was es hieß, als im Sommer 1944 in Bisingen ein KZ errichtet wurde – für die deportierten Männer und für die Dorfbevölkerung.
Das Lager war nicht hermetisch abgeriegelt vom Dorf; es lag nur 150 Meter vom Ortsrand entfernt. Die Bevölkerung sah die Häftlinge auf ihrem Weg zur Arbeit ins Engstlatter Ölschieferwerk, beim Bau der Wasserleitung, beim Trümmerräumen. Sie
konnte auch beobachten, wie die SS manchen Häftling, der ein Stück Brot oder Obst vom Weg aufheben wollte, mit dem Gewehrkolben zusammenschlug. Ein Zeitzeuge berichtete in einem Interview über das schlimmste Ereignis, das er damals als 13jähriger Junge gesehen hatte: Zwei SS-Männer legten einem Häftling ein Kantholz über den Hals und standen so lange darauf, bis er qualvoll erstickte.

Eine Bisinger Zeitzeugin berichtete: „Bei uns kamen sie direkt am Haus vorbei, jeden Morgen. (…) Erbarmungswürdig, die haben sich so richtig fortgeschleppt. Besonders abends, da konnten sie kaum noch laufen. Und dann kamen die Wachmannschaften hinterher und haben geschimpft und haben auf sie eingedroschen mit dem Gewehrkolben.“

Eine andere Begegnung: „Ich war einmal draußen im Lager. Da hat mir der Ehrmanntraut gesagt, ob ich nicht etwas zum Nähen hätte. Sie hätten einen guten Schneider im Lager. Und dann habe ich gesagt: ja, ich hätte schon etwas. Und dann kam er mit dem Schneider, mit diesem KZ-Häftling (…). Der hat mir Maß genommen. (…) Und dann musste ich ja das Ding anprobieren. Und dann habe ich gesagt: Also, ich komme raus ins Lager. Und dann haben sie mir gesagt, wo ich rein muss, und dann durfte ich also rein. Das war natürlich eine Stube, wo die geschafft haben. Die war sauber und warm. Und dann habe ich das anprobiert. Das war ein Schwede. Der war ganz zitterig, wie er das gemacht hat. Und kurze Zeit darauf war er auch tot.“

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Aus: „Möglichkeiten des Erinnerns“, Bisingen, 1997 von Christine Glauning

Bisingen – Zwei Täterprofile

Franz Ehrmanntraut, geboren 1910, Schlosser. NSDAP-Mitglied seit 1933, SS-Mitglied seit 1939. SS-Rottenführer seit 9. November 1941, SS-Unterscharführer seit 1. Februar 1943. Ehrmanntraut kam aus dem KZ Natzweiler zwischen August und Oktober 1944 nach Bisingen und wurde dort zum stellvertretenden Lagerleiter und Rapportführer befördert.

Bild: Franz Ehrmanntraut, vor 1945, Bundesarchiv Berlin, vormals Document Center.

Am 4. Juli 1947 sagte er im von den Franzosen durchgeführten Rastatter Prozess zu der Erschießung von drei ungarischen Häftlingen im Dezember 1944 folgendes aus:
„Ja, ich gebe zu, einen von ihnen erschossen zu haben. Ich habe es bei meinem Verhör gesagt. Ich habe gesagt, dass ich geschlagen habe. Viele Gefangene waren anständige Leute. Es war unmöglich, die anderen zu bewachen. Sie erschöpften unsere Geduld.“
Ehrmanntraut wurde am 29. Mai 1947 vom französischen Militärgericht in Rastatt wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt, später begnadigt und Ende 1962 aus der Haft entlassen. Er starb 1973.

Johannes Pauli, Schweizer Staatsangehöriger, geboren 1900, war der direkte Lagerführer im KZ Bisingen. 1951 sagte er vor dem Strafgericht in Basel über die Erschießung der drei ungarischen Häftlinge aus:
„Es ist richtig, dass ich im Dezember 1944 einen Häftling eigenhändig erschossen habe. (…) Ich ließ dann auch diese beiden Leute (die zwei anderen ungarischen Häftlinge, Anm. d. Verf.) kommen und fragte sie, was sie getan hätten. Auch diese beiden gaben mir auf meinen Vorhalt zu, dass sie Lebensmittel aus dem verschütteten Haus gestohlen hatten. Ich sagte daraufhin, was dem einen recht, dem andern billig sei und gab Ehrmanntraut und Makart den Befehl, auch diese beiden zu erschießen, was diese taten. Ich habe aber nicht befohlen, diese von hinten zu erschießen.“
Johannes Pauli wurde am 11. Februar 1953 in der Schweiz wegen seiner Taten im KZ Bisingen (fortgesetzten und wiederholten Totschlags) zu 12 Jahren Haft verurteilt. Er starb in den 60er Jahren.

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Aus: „Möglichkeiten des Erinnerns“, Bisingen, 1997 von Christine Glauning