„Das Grauen war genau vor Ort“ – junge Abiturienten in der KZ-Ausstellung in Bisingen

Am 19. August 2012  erhielt die Vorsitzende des Vereins Gedenkstätten KZ Bisingen per E-Mail folgende Anfrage: „Ich heiße Frederik Klett und habe mich nach meinem Abitur dieses Jahr in Hechingen endlich nähers mit dem KZ Bisingen auseinander gesetzt. Da ich in Kürze für ein Jahr nach Australien gehen werde, wollte ich Sie fragen, ob ein Besuch bei Otto Gunsberger in Melbourne eventuell möglich ist und falls dem so ist, ob sie mir vielleicht dabei helfen könnten einen Kontakt aufzubauen?

Des weiteren schreibe ich gelegentlich für die Hohenzollerische Zeitung Artikel und da ich mit einigen Freunden vor kurzer Zeit das KZ Museum gerade mal erstmals aufgesucht habe, würde ich gerne einen Artikel darüber schreiben, in die Richtung gehend, wie die junge „Abiturientengeneration“ zu Nationalsozialismus und der Arbeit gegen das Vergessen steht.

Natürlich in enger Absprache mit Ihnen als Vereinsvorsitzende, wenn Sie dazu Lust hätten und mit einem Artikel einverstanden wären.

Danke im Voraus! Mit freundlichen Grüßen, Frederik Klett“

Diese Mail wurde natürlich nur allzu gern beantwortet, der beigefügte Artikel erforderte lediglich die Korrektur einer Zahlenangabe und ist am 28. 09. 2012 im Bisinger Lokalteil der „Hohenzollerische Zeitung“ erschienen.

Die Erfahrung in jüngster Zeit zeigt, dass sich weitaus mehr junge Menschen für die die Deutsche Vergangenheit unter dem Nazi-Regime interessieren und auch „aktiv“ dabei sein möchten! Eine gute Entwicklung in der Arbeit „gegen das Vergessen“!

Frederik Klett erhielt die Adresse von Otto Gunsberger, Überlebender des KZ Bisingen,  und einen Tag vor seiner Abreise noch ein Buch von Otto Gunsberger aus einer Neuauflage 2012: „Berufswahl“ nebst guten Wünschen für’s Unterwegssein in den kommenden neun Monaten und liebe Grüße an Eve und Otto Gunsberger.

  

Veranstaltung: 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz / Freitag 20. Januar 2012

Bisisngen Die Wannsse-Konferent - Veranstaltung am 20.01.2012Die Endlösung der Judenfrage – der „verwaltete Mord“ an den Juden Europas    Entscheidungen zum Völkermord in noblem Ambiente bei „Cognac und Häppchen“

Bericht für die Presse von Uta Hentsch

Aus Anlass des 70. Jahrestages der Wannsee-Konferenz zur „Endlösung der Judenfrage“ am 20. Januar 1942 hatte der Verein Gedenkstätten KZ Bisingen am Freitag, 20. Januar 2012 zu einer Gedenkveranstaltung ins Bisinger Heimatmuseum eingeladen.

Zwanzig Besucher, darunter Bisingens Bürgermeister Joachim Krüger, Helmut Gabeli, „Ehemalige Synagoge Haigerloch“ mit seiner Frau und Dr. Norbert Kirchmann, „Alte Synagoge Hechingen“, nahmen sich Zeit für diesen Abend. Die 1984 entstandene deutsche, filmische Rekonstruktion  „Die Wannseekonferenz erhielt seine Authentizität aus den aufgefundenen fünfzehn Protokollen und weiteren Dokumenten, sowie auch aus diesbezüglichen Aussagen von Adolf Eichmann.

Nach Begrüßung der Gäste gab die Vorsitzende des Vereins eine kurze Einführung zum Film. Mit einigen Bildern wurde ein Teil der Protokolle gezeigt. Die fünfzehn Nazi-Größen der Konferenz waren promovierte Juristen, Volkswirte und auch Theologen. Sie alle, auch Heydrich, Sohn eines Komponisten und Direktor eines Konservatoriums, kamen aus guten, scheinbar geordneten Familienverhältnissen. Aus explizit christlich-religiösen Familien kamen sieben der Teilnehmer, Wilhelm Kritzinger, Reichskanzlei, war z.B. Sohn eines Pfarrers.

Weiterhin wies Uta Hentsch auf die Rolle die der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin-el Husseini, auch der „SS-Mufti“ genannt, spielt, hin. Er wurde zu einem großen Unterstützer der Judenfrage von außen. Im November 1941 nach Berlin angereist mit mehreren Jahren Aufenthalt, paktierte der Großmufti mit Hitler in der „Judenfrage“ in jeder Hinsicht. „Abu Ali“ (Vater Ali), war der Beiname, den der Mufti Hitler gab. Himmler verehrte den Großmufti beinahe unterwürfig, das lassen Grußkarten und Bilder von beiden unzweifelhaft erkennen.

In einem Telegramm an den Mufti schreibt Himmler zum am 02. November 1943: „Die nationalsozialistische Bewegung Großdeutschlands hat seit ihrer Entstehung den Kampf gegen das Weltjudentum auf ihre Fahnen geschrieben, Sie hat deshalb schon immer mit besonderer Sympathie den Kampf der Freiheitsliebenden Araber, vor allem in Palästina gegen die jüdischen Eindringlinge verfolgt. Die Erkenntnis dieses Feindes und der gemeinsame Kampf gegen ihn bilden die feste Grundlage des natürlichen Bündnisses zwischen dem nationalsozialistischen Großdeutschland und den freiheitsliebenden Mohammedanern der ganzen Welt. In diesem Sinne übermittle ich Ihnen am Jahrestag der unseligen Balfour-Deklaration meine herzlichsten Grüße und Wünsche für die glückliche Durchführung Ihres Kampfes bis zum Endsieg.“ Reichsführer der SS – Gez. Heinrich Himmler

Der gemeinsame Hass auf die Juden weltweit und die Rolle, die der Großmufti in der gesamten faschistischen Ideologie spielte ist bis heute in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt und soll offenbar auch unbekannt bleiben. (Tilman Tarach, Der Ewige Sündenbock, Seite 43). Auch für die Besucher der Gedenkveranstaltung im Heimatmuseum war die Dimension dieser unseligen Verbindung weitgehend unbekannt.

Der 1984 entstandene deutsche Film gibt die Atmosphäre dieser folgenschwersten Besprechung der Menschheitsgeschichte unter dem NS-Regime eindrücklich wieder. Es war eine von außerordentlichem Zynismus und Vulgarismus geprägte Sitzung in noblem Ambiente der „Marlier“-Villa, am Großen Wannsee gelegen.  (heute eine Gedenkstätte!). Mit eiskalten Willen fanden die Planungen und Vorgehensweisen zur Vernichtung von 11.000.000 Juden aus ganz Europa bei „Cognac und Häppchen“ nach nur neunzig Minuten ihren „bürokratischen“ Abschluss. (Eichmann dazu im Prozess 1961: „Das geht eben sehr ruhig zu, und es werden nicht viele Worte gemacht. Es dauert auch nicht ehr lange. Es wird dann ein Cognac gereicht durch die Ordonanzen und dann ist die Sache eben vorbei.“) Man mochte eigentlich gar nicht mehr zuhören und/oder zuschauen, so schockierend ging diese Sitzung zur  „verwalteten“ „Endlösung der Judenfrage“ vonstatten. Drei Jahre später endete diese Planung mit der katastrophalen Folge, dem Völkermord an 6.000.000 Juden. Im Klartext wurde von Zu-Tods-Schinden, Erschießung und Vergasung gesprochen. Im Protokoll, nach Aussage von Eichmann im Prozess 1961 von einer Sekretärin geführt und von ihm endgültig abgefasst, war lediglich von Sonderbehandlung die Rede!

Mit Beendigung des Film: „Die Wannseekonferenz“ herrschte im Heimatmuseum Bisingen absolute Stille – der Film führte ganz offensichtlich zunächst einmal zu Sprach- und auch Fassungslosigkeit. Die Vorsitzende fragte nach einer kleinen Zeit dann, ob jemand etwas sagen möchte – daraufhin kam es für eine knappe Stunde zu angeregter Diskussion auf hohem Niveau. Bürgermeister Krüger angefragt für ein abschließendes Wort: „es war ein guter und wichtiger Abend“ wurde von allen bestätigt. Um 22:40h verabschiedeten sich die letzten Teilnehmer aus Haigerloch mit der Anmerkung: Ihr habt ja einen wirklich großartigen Bürgermeister in Bisingen. Am Samstag erhielt die Vorsitzenden einen Anruf mit den Worten: „es war bei aller Entsetzlichkeit eine unvergesslich gute Veranstaltung.“

2 Fotos: Uta Hentsch

Zur Einführung in den Abend Bilder und Texte zum Thema (ppt): Wannsee-Konfernz-Verein Gedenkstätten KZ BIsingen 20.01.2012

Link zur Webseite zu dem Film von INFAMEDIA : Wannseekonferenz Information zum Film

Artikel in der Jüdische Allgemeine Nr 3/12 am 19. Januar 2012: Organisiertes Verbrechen

Artikel in der Jüdische Allgemeine Nr 3/12 am 19. Januar 2012: Bei Getränken und Schnittchen

Artikel Jüdische Allgemeine 20.01.2012Ort deutscher Schande

Diverse Reden von der Veranstaltung in Berlin:

Veränderungen im Vorstand / Yad Vashem / eine neue Gedenktafel auf Bisingens KZ-Friedhof / Bücher

Über die Jahreshauptversammlung mit Wahlen am 14. März 2011 kann im nebenstehenden Pressebericht nachzulesen. Der Verein Gedenkstätten hat einen neuen zweiten Vorsitzenden und eine neue Schriftführerin – wir freuen uns alle auf die vor uns liegende Zeit in der Arbeit „gegen das Vergessen“ !

An dieser Stelle möchte die Vorsitzende des Vereins Hanne Grunert und Horst Prautzsch für die gute Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren danken – Horst Prautzsch hatte im November 2003 die Gründung des Vereins vorangebracht (siehe Kategorie 2003) – er bleibt dem Verein als Mitglied erhalten und ist auch in Zukunft ein wichtiger Ansprechpartner. Hanne Grunert war als zweite Vorsitzende im Verein eine große Stütze für die Realisierung diverser, wichtiger  Projekte. Es ist gut dass durch die Kooeperation zwischen ihr, als Museumskuratorin der Gemeinde Bisingen und dem Verein eine gute Verbindung bestehen bleibt. Auch ihre Mitgliedschaft im Verein ist nicht aufgehoben.

Mehrheitlich wurde dem Beitritt des Vereins zum „Freundeskreis Yad Vashem Deutschland“ zugestimmt. „Erinnern, dokumentieren, forschen und unterrichten“ – das sind die Aufgaben der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Mit mehr als 2wei Millionen Besuchern pro Jahr ist sie das weltweite Zentrum des Gedenkens an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Zweigstellen in Form von Freundeskreisen gibt es unzählige weltweit.

Die Vorsitzende des Vereins wird Teilnehmerin bei den Zeremonien des Jom HaShoa, in Yad Vashem, Jerusalem,  sein, die bereits am Vorabend zum 02. Mai beginnen. Am Vormittag des 02. Mai wird erstmals für die jüdischen Opfer des KZ Bisingen ein Kranz niedergelegt werden. Vertreter von 150 Vereinen, Organisationen  und Gedenkstätten-Initiativen weltweit sind zur Kranzniederlegung angemeldet. Begleitet wird die Vorsitzende von einer Volontärin, die im Gästehaus für Shoa-Überlebende in Shavei Zion, Nordisrael,  arbeitet und in Bisingen-Steinhofen zu Hause ist.

Vom 14.-20. Juni werden die Tochter und Enkelkinder des im Februar 1945 im KZ Bisingen verstorbenen Alekzander Olschanzki  nach Bisingen kommen und am 19. Juni eine kleine Gedenktafel für den Vater und Großvater auf dem Bisinger KZ-Friedhof enthüllen – siehe auch unter Kategorie 2010 im Mai der erste Besuch der Familie in Bisingen.

Isak Wasserstein, München, Überlebender des KZ Bisingen, hat viele Male mit seiner Frau Rosel Bisingen besucht. Zum letzten Mal im November 2006 – siehe unter Kategorie 2006 – Podiumsgespräch mit Ute Vogt! Isak Wasserstein hat dem Verein „Gedenkstätten KZ Bisingen“ die Autoren-Rechte an seinem Buch „Ich stand an der Rampe von Auschwitz“ übertragen. Es kann nun neu aufgelegt werden die entsprechenden Vorbereitungen sind bereits getroffen. Gleichzeitig gab er auch die Zustimmung zur Digitalisierung seines Buches für die Einstellung ins Internet.

Es ist dem Vorstand des Verein ein großes Anliegen, dass die Zeitzeugenberichte in Buchform der Bisinger KZ-Überlebenden nicht verloren gehen. So wird auch das Buch von Otto Gunsberger, Melbourne, „Berufswahl“ zu gegebener Zeit eine Neuauflage und Einstellung im Internet erfahren.


Die Übersetzung des Buches von Stanislaw Jerzy Sagan aus dem Englischen – deutscher Titel „Essensträger heraustreten“ – soll evtl. eine Projekt-Arbeit von Schülern werden – so ist es einmal zunächst angedacht und wäre sicher eine gute Sache!

Besuch aus Tel Aviv mit einer neuen Gedenktafel für den KZ-Friedhof Bisingen

Ein dritter Höhepunkt in 2007 war der Besuch von Chaim und Idit Gil, Tel Aviv, Anfang Okober 2007.

Die Begegnung mit Idit und Chaim Gil in Tel Aviv Ende September 2007 führte zu einem neuen Ereignis für den Verein Gedenkstätten KZ Bisingen. Der Bericht der Vorsitzenden des Verein  der aus Tel Aviv nach Bisingen ging, zeigt in Kürze worum es geht.

Besuch aus Tel Aviv in Bisingen  – Information der Vorsitzenden des Vereins „Gedenkstätten KZ Bisingen“

Chaim und Idit Gil bei einem Treffen in Tel Aviv – Foto U. Hentsch

Der Bruder des im Dezember 1944 im KZ Bisingen umgekommenen Yankiel Gil, Chaim Gil, wird am Sonntag, den 7. Oktober um 15.00 Uhr mit seiner Tochter Dr. Idit Gil die Gedenkstätte KZ Bisingen besuchen und möchte auf dem KZ-Friedhof Bisingen einen kleinen Gedenkstein mit dem Namen seines Bruders setzen.

Diese Nachricht erreicht mich in Shavei Zion, Israel, während meiner neunwöchigen Volontariats- und Besuchsreise. Ich konnte Chaim und Idit Gil in Tel Aviv treffen und habe bereits einige Informationen erhalten. Die Brüder Gelibter (jetzt „Gil“) wurden nahe Radom in Polen geboren, kamen 1941 in das Arbeitslager Radom. Chaim kam 1944 von dort nach Auschwitz , dort trennten sich ihre Wege endgültig und er konnte seinem Bruder nur noch von einem anderen Zug aus zuwinken. Yankiel kam nach Deutschland und gelangte über das KZ Vaihingen/Enz mit einem Transport nach Bisingen. Recherchen der Gils ergaben, dass er hier im Dezember 1944 verstarb.

Die Gils werden für eine Woche im Zollernalbkreis bleiben. Für Holocaust-Überlebende ist es von ganz besonderer Bedeutung, den realen Ort ihrer verstorbenen Angehörigen aufsuchen zu können. Für die beiden Gäste aus Israel wäre es ein besonderes Zeichen der Anteilnahme, wenn sich zu der kleinen Zeremonie um 15.00 Uhr einige Mitglieder und Freunde des Vereins Gedenkstätten KZ Bisingen einfinden würden.

Dafür herzlichen Dank- und Schalom- Uta Hentsch, Shavei Zion, Israel

Der Aufenthalt der Gil’s lag in den bewährten Händen von Hanne Grunert. Über den Besuch siehe: Zeitungsartikel, Bilder und die Rede von Idit Gil (auszugsweise in Deutsch – gesamte Rede in Englisch als pdf-Datei).

Rede von Idit Gil – Auszug  deutsch)

Zwei elementare Bedürfnisse menschlicher Wesen die uns von anderen Kreaturen unterscheidet, sind der Wille zu wissen und der Wille zu verstehen. Sie sind der Antrieb unserer Entwicklung. Während dieser Reise brachten wir einiges über den Platz in Erfahrung, an dem mein Onkel Jakob Gelibter begraben liegt. Nun wissen wir aus erster Hand etwas über den Ort, an dem er die letzten Monate seines kurzen und tragischen Lebens leiden musste.

Nie werden wir begreifen können warum er und 1.157 weitere menschliche Wesen sich hier an diesem Platz zu Tode arbeiten mussten und nur noch menschlicher Staub waren.

Indem du, Vater, den Gedenkstein mit Jakobs Namen hier an seiner Begräbnisstätte setzt, stellt du Jakobs Identität wieder her. Er ist nun nicht mehr länger ein anonymes Opfer sondern ein menschliches Wesen, das umkam, noch bevor es Familie hatte, die sich hätte kümmern können.

Es ist unmöglich, denjenigen zu vergeben, die diese Verbrechen begangen haben. Aber, wie Hans uns sagte: Es gibt auch andere Deutsche.

In der Tat haben wir während unseres Aufenthalts ‚andere Deutsche‘ getroffen, die uns unterstützten und Mut machten auf unserer schwierigen Reise. Durch ihre Überzeugung verließen sie ihren Weg und gingen weit über ihre Pflicht hinaus, um unseren Aufenthalt produktiv und angenehm zu gestalten.

Wir möchten all denjenigen danken, die uns begleiteten und die es ermöglichten, den Gedenkstein zu setzen: die Mitglieder des Vereins, Dr. Andreas Zekorn, Uta Hentsch, die unsere Kontakte zur Gemeinde Bisingen herstellte, Bürgermeister Krüger für seine Unterstützung und seine warme Gastfreundschaft und nicht zuletzt Hanne Grunert, die unserer Reise bedeutungsvoll machte.

Wir hoffen, dass die Erinnerung an die Opfer, die im KZ Bisingen umkamen, nicht nur ein Eckstein bleibt sondern vielmehr ein Katalysator für einen weiterführenden Dialog und zwischen allen Menschen, besonders zwischen Israelis und Deutschen, sein wird.

Vielen Dank und Shalom! – Idit Gil Chaim Gil  . ganze Rede (englisch): Rede Idit GIl. englisch

Idit Gil / Chaim Gil / Bürgermeister Joachim Krüger

„Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“ 1. Mose 4,10

Chaim Gil besucht den Geschichtslehrpfad

Erinnerung an den Novemberpogrom in Haigerloch

Vortrag 05.11.2010 - Heimatmuseum BisingenUnd ’s isch doch au‘ d’r Synagog nix passiert. Net?

Zu einem Vortrag zum Thema: der Novemberpogrom in Haigerloch in der Nacht vom 09. zum 10. November 1938, hatte der Verein Gedenkstätten KZ Bisingen eingeladen. Neunzehn Besucher erhielten umfangreiche Einblicke in geschichtliche, „nach“-juristische und Haigerloch speziell betreffende Fakten um die Geschehnisse der als „Reichspogromnacht“ bekannten Übergriffe deutscher Nazi-Schergen gegen persönliches Eigentum, Synagogen und Schulen von jüdischen Bürgern im Nazi-Deutschland. Es wurde ein sehr informativer Abend, die Ausführungen von Helmut Gabeli wurden durch entsprechendes Bildmaterial unterstützt.

Zu Beginn seiner Ausführungen zu Haigerloch stellte Helmut Gabeli zwei „Vorbemerkungen“ zur Thematik der Novemberpogrome vor. Erstens zusammenfassend: (…..) Es ist daher kaum möglich, eine gerade Linie aus der Lutherschen Forderung, die Synagogen niederzubrennen, und den barbarischen Vorgängen im November 1938 zu ziehen. Selbstredend kann es natürlich sein, dass manch nationalsozialistischer Täter subjektiv durch die Luther’sche Aufforderung, die Gotteshäuser der Juden anzuzünden beeinflusst oder gesteuert war. Aber das ist – wenn man es in Betracht zieht – wohl nur auf der Ebene der örtlichen Täter vorstellbar. Zweitens: Die Annahme einer Art Test, wie weit die deutsche Bevölkerung bereit sei, die antijüdische Politik der Nazis zu dulden oder mit zu tragen – für diese Hypothese sind – soweit ersichtlich – keine Belege vorhanden.

Es folgte ein historischer Zeit-Kontext zum Pogrom. Der junge Franzose Hershel Grynzspan hatte am 07. 11. 1938 in Paris nach einem Gespräch mit dem deutschen Legationsrat Ernst von Rath auf diesen geschossen. Grynzspan wollte damit auf die verzweifelte Lage seiner Eltern und deren Deportation von Deutschland zurück nach Polen aufmerksam machen.  Grynzspan selbst, In Deutschland geboren, durfte weder nach Deutschland zurück noch erhielt er eine Aufenthaltserlaubnis in Frankreich. Von Rath erlag am 09.11.1938 seinen schweren Verletzungen. Am späten Abend riefen aus München die Gauleiter ihre Gauleitungen an und instruieren sie in mehr oder minder präziser Form, mit entsprechenden Aktionen gegen Synagogen, jüdische Häuser und Geschäfte loszuschlagen.

Vortrag-Helmut Gabeli, Haigerloch im Heimatmuseum Bisingen/05.11.2010Haigerloch in den frühen Morgenstunden des 10.11.1938: gegen 2 Uhr morgens rückte von Weildorf kommend eine etwa 40köpfige Truppe aus Richtung der St. Annakirche her in das Haag ein. Wie man später erfuhr, handelte es sich dabei um SA-Angehörige aus Sulz

„Heute wissen wir“, so Helmut Gabeli, „dass von einem spontanen Ausbruch des Volkszorns keine Rede sein kann. Wir haben gehört, dass es sich um eine geplante und von oben angeordnete Terroraktion gegen die jüdische Bevölkerung und deren Besitz handelte.“

Die Haigerlocher Synagoge wird zwar nicht niedergebrannt, aber doch geschändet und schwer beschädigt. Sämtliche Scheiben werden eingeschlagen, die Türen eingedrückt und die ganze Inneneinrichtung demoliert. Auch die Mikwe, d.h. das rituelle Bad, wird schwer beschädigt. Auch am jüdischen „Gasthaus Rose“ wütet der Zerstörungstrupp. 17 Fenster und das Glas der Eingangstür gehen allein hier zu Bruch. Vormals fanden hier die Festlichkeiten der Jüdischen Gemeinde statt. Der Weinvorrat bleibt unversehrt. Allerdings hat die Wirtin Julie Levi, die im Begriff ist nach England auszuwandern, die Vorräte zumindest schon zum Teil an Gastwirte der umliegenden Gemeinden verkauft. Wein bleibt Wein! Das Inventar der Gaststätte wird nahezu völlig zerstört.

Ehemalige Jüdische Schule, Wohnung des lehrers und Rabbinatsverwesers Gustav Spier sel.A.Am jüdischen Gemeindehaus, in dem die Schule, die Lehrerwohnung und früher auch das Rabbinat untergebracht waren, wird der Schulsaal ebenfalls völlig demoliert und die Wohnung des Lehrers Spier schwer beschädigt. Hierzu berichtet Ruth Ben-David, die Tochter des letzten jüdischen Lehrers und Rabbinatsverwesers Gustav Spier in einem Gespräch mit mir, Uta Hentsch, 2009 im Kibbuz Tirat Zvi: […] Der Pöbel drang ins Haus ein >>und wollte die silbernen Geräte der Familie rauben. […] Aus Wut warf ein junger Nazi die Dose gegen die Wand – der Deckel erhielt eine Beule und ein Füßchen brach ab.

Welch ein Glücksfall, dass mit Hilfe einheimischer Packer, die das Gepäck für die Auswanderung von Ruth im Februar 1939 (Letzter Kinder-/Jugendtransport nach England) zusammen packten und verplombten, das kostbare Familiensilber gerettet werden konnte. Die Packer rieten der Familie Spier, das Silber in der Wäsche zu verstecken. So gelangte das Silber zusammen mit Ruth nach England und nach dem Weltkrieg nach Israel, wo es Ruth noch heute im Kibbuz verwahren und nutzen kann. Die umfangreiche Bibliothek von Gustav Spier, die an zwei Wänden Regale füllten wurde zerstört: Die Bücher wurden herausgerissen und auf einen Haufen oder zum Fenster hinaus auf die Straße geworfen. Gustav Spier wurde erheblich  misshandelt.“

Es folgten viele weitere Namen von jüdischen Familien in Haigerloch, deren Wohnungseinrichtungen dem wahnsinnigen Zerstörungswillen des braunen SS-Pöbels zum Opfer fielen. 11 Haigerlocher Männer wurden verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau eingewiesen, von wo sie erst nach Wochen wieder frei kamen.

In drei Verfahren haben die Gerichte in Hechingen, Tübingen und Rottweil in den Jahren 1947 bis 1949 den Tathergang festgestellt und auf die für angemessen gehaltenen Strafen erkannt. Vor der Strafkammer des Landgerichts Hechingen fand wegen dieser Vorgänge vom 16. bis 19. Dezember 1947 das Strafverfahren gegen die Täter statt. Insgesamt standen 21 Männer der SA und der SA-Reserve Sulz, sowie zwei Haigerlocher vor Gericht.

Von den 23 Angeklagten wurden in den drei Strafverfahren wegen der Ereignisse vom 9. zum 10. November 1938 in Haigerloch acht Angeklagte freigesprochen. Ein Angeklagter  erhielt eine Gefängnisstrafe von sechs Wochen. 14 Angeklagte wurden zu Gefängnisstrafen zwischen drei und zehn Monaten verurteilt. Soweit ersichtlich konnten sie als „freie Männer“ den Gerichtssaal verlassen, da die Untersuchungshaft jeweils auf die verhängte Strafe angerechnet wurde.

Schlusssatz von Helmut Gabeli: „Ist der Synagoge tatsächlich nichts passiert?“


Helmut Gabeli ist 2. Vorsitzender des Gesprächskreis Ehemalige Synagoge Haigerloch  e.V. und Träger des Obermayer German-Jewish Award 2010


BISINGEN – Heimatmuseum

Von Christine Glauning – aus “Möglichkeiten des Erinnerns” – Orte jüdischen Lebens und nationalsozialistischen Unrechts im Zollernalbkreis und im Kreis Rottweil (Hechingen 1997). Die Broschüre ist vergriffen und wird nicht wieder aufgelegt sondern ins Internet gestellt.

  • Heimatmuseum Bisingen: (seit 03. November 1996) Kirchgasse 15, 72406 Bisingen
  • Ausstellung „Mut zur Erinnerung – Mut zur Verantwortung“ über den Ölschieferabbau und das ehemalige Konzentrationslager
  • KZ-Friedhof und Geschichtslehrpfad

Heimatmuseum Bisingen: „Mut zur Erinnerung – Mut zur Verantwortung“ Blick in die Ausstellung
Die Ausstellung (ehemals „Schwierigkeiten des Erinnerns“) wurde aus Anlass des zehnjährigen Bestehens im Oktober 2006 vom Verein „Gedenkstätten KZ Bisingen“ (unter Beibehaltung des inhaltlichen Konzepts von Dr. Christine Glauning) umgestaltet. Foto: Hentsch

Öffnungszeiten: Sonntag 14 bis 17 Uhr sowie auf Anfrage

Führungen: Ines Mayer, Tel 07476-1053

KZ-Friedhof
Der  1947 von der französischen Militär-Regierung angelegte Friedhof liegt etwas außerhalb Bisingens.  Die Zufahrt ist ausgeschildert,  Parkmöglichkeiten sind vorhanden.

Geschichtslehrpfad
Der Pfad führt über das Gelände des ehemaligen Ölschieferwerks und zum Platz des ehemaligen Lagers.  Der ausgeschilderte Rundgang kann von jeder Station aus begonnen werden, ein guter Einstieg ist der Bahnhof Bisingen.

Informationen zur Ausstellung und zum Geschichtslehrpfad
Bürgermeisteramt Bisingen

Heidelbergstr. 9 // 72406 Bisingen

Dr. Franziska Blum                                                                                                                                                         Tel. 07476 896 414 – Di + Do 14 – 17 Uhr                                                                                                            E-Mail: Franziska.Blum@Bisingen.de

Verein Gedenkstätten KZ Bisingen

Uta Hentsch, Vorsitzende
Tel/Fax 07476 3898
E.Mail Uta.Hentsch@t-online.de

Anfahrt nach Bisingen
A81 Stuttgart-Singen, Ausfahrt Empfingen,Richtung Albstadt Balingen (B 463);
Bundesstraße B27 Tübingen Rottweil, Abfahrt Bisingen Ortsmitte;

Literatur:
Juso-AG Bisingen: „Das KZ Bisingen“
Bisingen, 10/1996 (3. Aufl.- 1. Aufl. 1985)

Christine Glauning: „Entgrenzung und KZ-System  – Das Unternehmen „Wüste“ und das Konzentrationslager Bisingen 1944/1945“ – Metropol Verlag, Berlin 2006

„Es war ein Bahnhof ohne Rampe – Ein Konzentrationslager am Fuße der Schwäbischen Alb“ // Reihe MATERALIEN, Hrsg. H. Grunert, Landeszentrale für politische Bildung, Stuttgart 2007

Zeittafel
24. August 1944:
Erster Transport mit 1000 polnischen Häftlingen von Auschwitz nach Bisingen

01. Oktober 1944:
Transport von 1500 Häftlingen (Russen, Letten, Litauer, Esten)  aus dem KZ Danzig-Stutthof

30. Oktober 1944:
Transport von 250 polnischen Juden aus dem KZ Vaihingen-Enz

26. November 1944:
Transport von 400 ungarischen Juden aus dem KZ Dachau

07. März 1945:
Transport von 1000 Häftlingen, davon 900 Juden aus dem KZ Buchenwald

April 1945:
Evakuierung des KZ Bisingen

12. April 1945:
Transport von 206 Häftlingen nach Dachau-Allach

14. April 1945:
Transport von 563 Häftlingen von Bisingen nach Dachau-Allach (in offenen Güterwaggons mit Stacheldraht. Der Rest der Häftlinge musste zu Fuß auf den „Todesmarsch“.
Kurz vor Kriegsende ließ der damalige Bisinger Bürgermeister, Hugo Maier  alle Unterlagen über das KZ Bisingen vernichten, darunter die Namenslisten der toten Häftlinge, die in der Standesamtsregistratur im Rathaus aufbewahrt worden waren.

English edition: bisingen-1-places-englisch

Fortsetzung: nächster Eintrag: KAP 2 – Bisingen I Orte – Konzentrationslager und Ölschieferwerk